Technology is our friend: Ist das "mobile web" in der Yahoo-Phase?
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March 27, 2010

Ist das "mobile web" in der Yahoo-Phase?

AdMob ist ein wahrscheinlich bald zum Google-Imperium gehörendes (Ex-)Start-Up im Bereich des mobilen Advertisings. Deren CEO, Omar Hamoui (hoffentlich darf der Kerl unbehelligt durch die USA fliegen), hat einen extrem interessanten Gedanken abgesondert:
Er sieht das mobile Internet in seiner "Yahoo-Phase".
Was ist die Yahoo-Phase? Zeitreise in das Jahr 1998. Zu diesem Zeitpunkt war Yahoo meine Startseite, und ich gebe zu, ich konnte mir kaum vorstellen, dass irgendetwas diese Seite hätte ablösen können.Yahoo war primär eine Suchmaschine mit einem zentral platzierten Suchfenster, und rund um das Logo sowie unter dem Suchfenster wurden noch ein paar Services wie Anzeigen, E-Mail, Aktienkurse oder News angeboten. Yahoo tat aber darüber hinaus noch etwas, das zu seiner Zeit überaus logisch war: Es katalogisierte, rubrizierte und ordnete diese unübersichtliche Welt von bereits damals Abermillionen von Webseiten.
Ich habe nicht ergoogeln können, wie viele User damals über den Katalog und wie viele über die vollkommen freie Textsuche ihre Inhalte fanden...
... aber es ist rückwirkend nicht abwegig, die Rolle Yahoos damals als eine Art "Internet-Chefredakteur" zu beschreiben, der das Netz durchforstete, Empfehlungen gab, Bemerkenswertes bemerkte und Unnötiges wegließ. Aber das Internet wuchs, und es wuchs in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Als Google 1998 mit seiner Suchmaschine ein wirkliches Business wurde, war es von Beginn an auf eine andere Ordnung des Webs ausgelegt. Google verzichtete auf den Katalog und setzte auf eine reine Textsuche. Dafür verkündete es stolz, dass bereits 25 Millionen Seiten zum Index gehören würden (zum Vergleich: heute wird dies nicht mehr angezeigt, aber es sind mehr als 10 Milliarden).
Wir wissen alle, wessen Ansatz sich durchgesetzt hat, und in der Rückschau ist das auch logisch: Kein Katalog kann eine unfassbare Zahl an Inhalten sortieren. Youtube kann nicht nach Sport, Entertainment, Homemade, Professional, Comedy, Musik usw. sortieren, wenn in jeder Minute (!) 24 Stunden an Content hochgeladen werden - die "nackte Textsuche" ist das primäre Navigationstool für unübersichtlich viele Inhalte. Bemerkenswert ist, dass in diesen wahnsinnig vielen Inhalten dank Textsuche immer ein überlegenes Ergebnis gegenüber der Katalogisierung herauskam. In der riesigen Quantität fand sich durch die Logik der gegenseitigen Verlinkungen auch immer eine Qualität wieder: Das Web wurde durch Hyperlinks zu seinem eigenen Chefredakteur - zu einem besseren, kompetenteren, alles umfassenden Chefredakteur, der sich dank Texteingabe auch noch automatisch auf genau das spezialisieren konnte, was wir in genau diesem Moment suchten.

Kommen wir zurück zu Omar Hamoui. Seine Theorie ist, dass Apps ein Zeichen dafür sind, dass sich das "mobile web" noch im Yahoo-Stadium befindet. Ihre Anzahl ist überschaubar groß, so dass sie noch katalogisiert, indexiert und rubriziert werden können. Um die Yahoo-Analogie nun in die Zukunft zu extrapolieren, zeigen sich zwei mögliche Entwicklungswege: Entweder es werden Millionen und Abermillionen von Apps entstehen, was einen offenen Standard (wie HTML im Web) bedingt bzw. auch ein Stück weit hervorbringen kann, oder aber "Apps" werden durch mobil- (oder besser: Geräte-) optimierte Webseiten ersetzt, die über Textsuche gefunden werden. Warum soll eine Webseite nicht auf zukünftigen Geräten das können, was morgen eine ipad-Applikation wird tun können (ironischer- und beispielsweise unter dem Einsatz von Flash)?
Für beide Theorien sprechen Erfahrungen aus der Vergangenheit. Auch 1998 musste man schon ein kleiner Nerd sein, um eine Homepage zu programmieren, die von mehr Leuten als einem selbst als lesenswert betrachtet werden konnte. Baukästen wie Geocities erlaubten es auch den Nicht-Nerds, Seiten zu erstellen, und das riesige Potenzial an Webseiten-Erstellern, nämlich uns allen, wurde durch immer bessere Baukästen ausgeschöpft. Zudem kamen mehr und mehr gewerbliche Seiten hinzu, von Konzernen ebenso wie lokalen Tante-Emma-Lädchen. Eine ähnliche Entwicklung ist bei Apps nicht von der Hand zu weisen - "jeder und seine Mutter" muss derzeit mit einer iphone-App glänzen, und jeder fragt sich (wie seinerzeit im Web) wie man in der Katalogisierung von wahnsinnig vielen Apps denn wohl gefunden werden könnte. Und auch die Baukästen für Nicht-Nerds gibt es bereits, Widgets, aus denen man Apps erstellen kann, sowie Apps, die selbsterstellten Content auf Mobiloberflächen bringen. Laut des Institutes "research2guidance", die wohl von einer solchartigen Entwicklung ausgehen, werden im Jahr 2013 knapp eine Milliarde Menschen technisch die Möglichkeit haben, auf Apps zuzugreifen, und jährlich rund 15 Milliarden Dollar dafür ausgeben. In diesem Fall wird die Katalogisierung allerdings eine Ende haben; itunes verwaltet zwar mit einem Katalog auch den Zugang zu 11 Millionen Songs, aber erstens lässt sich "Musik" besser katalogisieren als "die Welt", und zweitens reden wir von einer Wachstumsexplosion, die bei 11 Millionen mal eben Fahrt aufnähme.
Für die zweite Variante, die Koexistenz von Apps und Webseiten mit einem über die Zeit deutlichen Überhang der Nutzung mobiler Dienste in einem Browser spricht, dass Apps nicht in beliebiger Anzahl auf dem eigenen Gerät navigierbar sind. Ich kann schlecht 6000 Apps auf meinem Mobiltelefon speichern und im Zweifel auf diejenige zugreifen, die ich gerade brauche (außer, ich habe eine extrem gute lokale App-Text-Suche, die sich von einer Web-Text-Suche dann kaum unterscheiden würde). Das wiederum hieße, dass App Stores irgendwann eine Sättigung erreichen, weil der durchschnittliche Nutzer eine Anzahl x an Apps auf seinem Gerät verträgt, aber nicht mehr, und weitere Dienste von einem Browser aus in Anspruch nehmen wird; der Verlauf des Kampfes von imode versus WAP in allen Ländern außer Japan spräche für diese Variante. Ich persönlich tendierte, wenn ich denn eine Prognose abgeben müsste, zu dieser zweiten Möglichkeit. Ob es eine self-fulfilling-prophecy werden soll, oder ob Google Omar's Firma deswegen kauft, weil er auf diese Weise denkt, kann ich auch nicht beurteilen. Der Gedanke, dass heute viele Menschen die Apple-Oberfläche samt ihrer Organisation durch Apps für ebenso unersetzlich halten wie ich damals meine Yahoo-Startseite, ist so betrachtet allerdings ein sehr spannender.