Technology is our friend: Tagesaktueller Beitrag zum Begriff „tagesaktuell“
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March 8, 2010

Tagesaktueller Beitrag zum Begriff „tagesaktuell“

In einem aktuellen Projekt haben wir gerade das Thema des "Daily Reach“. Dabei geht es um eine High-Traffic-Webseite, bei welcher der Vermarkter nicht mehr nur monatlich auf die erzielten Nettoreichweiten schaut, sondern zunehmend kleinere Abstände analysiert. Das führt dahin, dass einzelne Traffic-Peaks nicht mehr dazu in der Lage sind, eine eventuell ansonsten trafficschwache Zeiteinheit zu kaschieren. Logisch: Wenn du an einem Tag 100 Millionen Visitor hast und an 29 anderen Tagen 0, sieht das Monatsergebnis noch immer gut aus. Als Werbekunde würde es mir aber reichen, nur an jenem einen Tag präsent zu sein. Tagesaktualität ist hier also eher eine neue Logik.

Schwierig für mich, weil ich in einem anderen Post "tagesaktuell“ gerade lapidar als schon veralteten Begriff beschrieben habe, und zwar im Zusammenhang mit Zeitungen, die nämlich Inhalte auf Basis einer Technologie des 19. Jahrhunderts vertreiben und sich wundern, warum ihre Verkäufe zurückgehen. Wer ein heavy web user ist, findet in der Tageszeitung nichts, was er nicht schon wüsste – außer, es interessiert ihn nicht, wie zum Beispiel ein Cricket-Ergebnis vom Wochenende. Neben dem Besuch elektronischer Zeitungen und dem Abonnement des einen oder anderen RSS Feeds sind es auch zunehmend soziale Netzwerke, über welche Neuigkeiten distribuiert werden. Hat man einmal eine dreistellige Anzahl halbwegs aktiver Facebook-Freunde, kann man sicher sein, dass man „breaking news“ (Selbstmord Robert Enke, Erdbeben Haiti) sogar fast in Realzeit nicht von CNN, sondern von anderen Personen erfährt – das "Lauffeuer" wird digital und damit ganz schön schnell. Nachtrag: CNN sieht das auch so (hier).



So wird "Tagesaktualität“ aus meiner Sicht derzeit von zwei Seiten "eingequetscht“. Auf der einen Seite gibt es das vielbeschworene „
Echtzeitweb“, für das wir nur in Ansätzen gerüstet sind. Stephen Fry hat zum Beispiel knapp 1,3 Millionen Follower bei Twitter und kann sich täglich neu entscheiden, welche Website er zum Einsturz bringen will

Postet er einen Link, kommt es locker vor, dass 3000 oder mehr Leute zeitgleich auf selbigen klicken. Wäre das nur auf ein Minütchen verteilt, würde es für die meisten Webseiten wohl kein Problem darstellen. Kommt dieser Traffic-Peak binnen einer Sekunde zustande, gehen die meisten Seiten in die Knie, die nicht gerade wie Facebook 30.000 Server im Keller stehen haben. Wir haben also schon die Strukturen des Echtzeitwebs, aber voll ausleben können wir es noch nicht.
Neben der Echtzeit haben wir auf der anderen Seite Werbevermarkter, die gerade den Tag als Zeiteinheit entdecken. Das wäre für Plakate oder Fernsehwerbung eine fast undenkbare Einheit, aber da Werbemittel und ihre Verwaltung im Internet nun einmal voll digitalisiert sind, ist es doch eigentlich keine Frage der humanen Intelligenz, sondern nur der zur Verfügung stehenden Technologien, bis nicht auf den Tag genau Werbemaßnahmen geplant, gemessen und durchgeführt werden, sondern auf die Stunde oder die Minute.

Ich frage mich, ob es so weit kommt, dass eines Tages ein Werbungtreibender irgendwo anfragen kann, wo in den nächsten 45 Minuten eine Million Menschen mit einem Banner, einer MMS oder einem digitalen Plakat angesprochen werden könnten, er würde dann fix sein aktuelles Angebot in Bannerform rübermailen. Sicher ist jedenfalls, dass dort, wo mit digitalisierten Prozessen Effizienz erhöht werden kann, dieses auch geschehen wird. Es wird also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit langfristig nicht bei einer Tagesbetrachtung bleiben, und deshalb sind wir in diesem Kundenprojekt gut beraten, die tägliche Reichweite nicht mit dem Versuch eines einzelnen Peaks, sondern mit einem stetigen Fluss an Traffic zu erreichen. Vielleicht können wir ja Stephen Fry dazu bringen, stündlich einen Link zu uns zu posten.

Was die Einordnung des Begriffes „tagesaktuell“ angeht, kann ich mich allerdings entspannt zurücklehnen. Er ist wirklich veraltet. Aber er ist immerhin ein Neuzugang im Seniorenheim der Medienwelt, und deswegen werden wir uns noch eine ganze Zeit um ihn kümmern können.