Technology is our friend: Journalismus 2.0 ist nicht nur Bloggerei (denn bloggen kann ich auch)
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May 2, 2010

Journalismus 2.0 ist nicht nur Bloggerei (denn bloggen kann ich auch)

Die Digitalisierung nimmt ihren Einfluss in allen Branchen, besonders schnell und auffallend dort, wo Produkte non-physischer Natur sind. Im Fall des Journalismus ist das eine Art „ewiges Thema“: Der Wegfall von Material, um Inhalt langlebig zu machen, also bei Zeitungen und Magazinen der Verzicht auf Papier, der auf Preis- und Vertriebsmodelle radikale Auswirkungen hat. Darüber wird von Journalisten gerne und viel spekuliert, meist mit einer tiefgreifenden Skepsis, wie sich Qualitätsjournalismus denn dann finanzieren lassen solle, wenn wir alle nicht mehr zum Kiosk gingen und täglich einen Euro für ein Blatt spendeten. Allerdings glaube ich, dass diese Sicht sehr eindimensional und ein bisschen kurz gegriffen ist:



Die Digitalisierung der Welt als ihr nächster, alles verändernder Schritt nach der Industrialisierung bewirkt natürlich auch im Journalismus weit mehr als "nur" die Veränderung von Vertriebswegen oder Abrechnungsmodellen – und in anderen Branchen sehen die Journalisten das auch. Da gibt es etwa auch den Produktionsprozess als solchen, das Produkt in seinen Eigenschaften (z.B. im Grad seiner Vernetzung) und die Transparenz der einzelnen Unternehmen sowie des gesamten Marktes - alles von der zunehmenden Digitalisierung beeinflusst.
In der Automobilindustrie, das Paradebeispiel einer Branche, die von non-physischen Produkten so weit entfernt ist wie Rupert Murdoch von einer sinnvollen Haltung gegenüber Google, sind Bestellung und Produktion digital miteinander vernetzt, um den Fertigungsprozess schneller und näher am Kunden zu gestalten; die Produkte selbst verändern sich ebenfalls – Ford bringt im nächsten Jahr Autos, die Android und Blackberry Apps verwenden. Hinzu kommen eine Globalisierung des Wettbewerbs, die Verkürzung von Produktlebenszyklen durch höhere Innovationsraten, die Transparenz von Märkten etwa im Preis- und Leistungsvergleich sowie die immer höhere Bedeutung von Kommunikation unter Verbrauchern – und der direkte Kontakt mit Verbrauchern ohne Zwischenstufen wie Medien oder Händler, wie hier bei Toyota oder seit wenigen Jahren mit viel Enthusiasmus bei Ford.

Warum sollten diese Effekte der Digitalisierung gerade vor dem Journalismus halt machen? In ihrem eigenen Produktionsprozess verwenden Journalisten Social Media zunehmend als Recherche-Fläche. Ihre Artikel können verglichen, cross-verlinkt und ...
... kommentiert werden. Außer bei Social-Media-Profi-Ausnahmen wie Sascha Lobo, der schon mal kollaborativ und offen im Web Artikel schreibt, merkt man dem Ergebnis der journalistischen Tätigkeit all diese Auswirkungen der Digitalisierung kaum an. „Welt kompakt“ versucht ja seit einiger Zeit, sich als das Blatt der „Digital Natives“ zu positionieren, aber außer einer Digital-Doppelseite und einem durchaus lobenswerten, aber häufig unergiebigen „Twittern Sie mit dem Autor“ ist auch noch nicht viel dabei herausgekommen.

Für „Journalismus 2.0“ stellen sich daher folgende Fragen:
  • Wenn der Produktionsprozess voll digitalisiert ist (und welcher Journalist rennt schon noch in die Bücherei), warum lässt ein Schreiber nicht seine Leser daran teilhaben und dokumentiert etwa seine Quellen durch ein Bookmarklet oder wenigstens Social Bookmarks? So kann jeder, der interessiert ist, tiefer graben, die Schlüsse des Journalisten hinterfragen, seine Meinung bilden, schlicht: mehr Wert aus dem Artikel ziehen. Ist es nicht seltsam, dass man kinderleicht recherchieren kann, aus welchen Einzelteilen etwa ein iPad gefertigt ist, aber uns die "Inhaltsstoffe" eines volldigital entstandenen Produktes wie eines Zeitungsartikels verborgen bleiben?

  • Wenn in der Digitalisierung (anders als bei der Papierzeitung) „Platz“ keine Rolle spielt, weil Speicher quasi unbegrenzt zur Verfügung steht (und welche E-Publikation zählt schon die Gigabytes an Daten, die sie abrufbereit hält), warum können uns nicht auch (zusätzlich) Quellen eines Interviews zur Verfügung gestellt werden, anstatt uns nur mit der eigenen Interpretation des Journalisten abzuspeisen, der im Zweifel auch mal Dinge erfindet – was in unserer heutigen Zeit, in der eben jeder alles veröffentlichen kann, ohnehin auffliegen wird, erst recht, wenn der Interviewte einen nicht ganz unbekannten Blog betreibt. Ein sehr interessantes Gegenbeispiel ist dieses „IM-terview“ des Business Insiders, bei welchem der Foursquare Produktchef einfach via Instant Messenger interviewt – und das Gespräch als Grafik veröffentlicht wurde. Hier wird die Quelle zur Nachricht und Unverfälschtheit zum Prinzip.

  • Wenn der Markt transparent wird (und wer schreibt schon exklusiv und alleine über ein Thema), warum sollte dann nicht etwa auf Originalartikel verlinkt werden, wenn man Sätze wie „nach einer Meldung der NYT“ in seinen Artikel schreibt? Und warum versucht man „geheime Protokolle und Enthüllungen“ zu verkaufen, wenn die Inhalte schon Monate zuvor auch in der ausländischen Presse nachlesbar waren, wie in diesem aktuellen Beispiel des Spiegel und einem vier Monate alten Pendant des Guardian? Oder kann man als Journalist nicht den Artikel googlen und seine eigenen, geheimen Tonbänder dann wenigstens nur als Beweis für das anführen, was die Welt ohnehin ahnte bzw. zuvor schon gelesen hatte?

  • Wenn die Kommunikation unter Verbrauchern, aber auch die direkte Kommunikation zwischen Anbieter und Konsument ermöglicht wird (und wer nutzt das Netz nicht, um sich über News auszutauschen), warum mischen sich die Autoren von Artikeln so gut wie nie in die Diskussionen ein, die zu einem Artikel entstehen? So löblich es ist, dass fast alle Zeitungen online eine Kommentarfunktion anbieten, so wenig Dialog entsteht dort mit den Machern selbst – es scheint ohnehin, als wenn Verlagsstrategen und Page-Impression-Junkies diese Funktionen vorantreiben, aber nicht die Journalisten selbst.

Bleibt das Fazit, dass auch überall dort, wo nicht ohnehin zu 95% Agenturmaterial per copy&paste verwendet oder voneinander abgeschrieben wird, die Digitalisierung nur als einflussreich in Bezug auf den Vertriebsweg verstanden wird, während man als Journalist selbst Preissuchmaschinen, Verbraucherforen und Communities als neue Marktstrukturen abfeiert. 
Und natürlich den großen Unternehmen zuruft, dass die Zeiten eben unbequemer werden, wenn jeder unzufriedene Konsument sich in Blogs oder sonstwo ausdrücken kann (was auch Journalisten selbst gerne tun, wie beim Spiegel hier oder Thomas Knüwer hier) – dabei aber derartige Mechanismen so ganz und gar nicht auf sich selbst oder den eigenen Tätigkeitsbereich bezieht.

Eine Huffington Post als Schreckgespenst aller etablierten Verlage ist nicht nur deswegen so erfolgreich, weil sie konsequent auf material-losen Vertrieb geplant und ausgerichtet wurde, sondern weil sie viele (durch die Digitalisierung ermöglichte) Mechanismen einer „neuen News-Welt“ integriert, wie zuletzt etwa Badges.   


Dass nun alle Magazine und Zeitungen sich wie die Verrückten auf das iPad stürzen, kann auch darin begründet liegen, dass man sich über all solche neuen, unbequemen Dinge in dieser Welt keinen Kopf machen muss – bei diesen neuen Formaten kann man meist nicht mal kommentieren, klickt aus einer App heraus selten auf einen Link, kurz: man kann hier eine verkrüppelte Digitalversion anbieten, die nichts anderes ist als alter Zeitungsjournalismus, der nur nicht mehr auf Papier distribuiert wird - und das ist eben nur die Minimal-Ausprägung dessen, was die Digitalisierung mit dem Journalismus anstellen kann und wird.

Das wird nur so lange funktionieren, bis es Andere besser machen, die - auch das ist oft ein Merkmal der Digitalisierung – häufig nicht aus „der alten Welt“ kommen, sondern einfach nur die neuen Möglichkeiten sehen und umsetzen.