Technology is our friend: Ich mach werbefrei (aber nur notgedrungen)
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June 4, 2010

Ich mach werbefrei (aber nur notgedrungen)

In den letzten Jahren - na gut, im letzten Jahrezehnt - hat sich Werbung dank extensiven Drucks aus der Digitalwelt vom reinen Nervtöter zum Unterhalter und Nutzbringer gewandelt, um weiterhin wahrgenommen zu werden. Das ist gut. Liebend gerne nehme ich Dienste in Anspruch, die sonst Arbeit oder sogar Geld erfordern würden, wenn sie mir von einem Werbetreibenden schnell und einfach angeboten werden. Nur bei der WM will bisher das nicht so recht klappen.
Jeder, der mich auch nur ein bisschen kennt, weiss, dass ich a) dauernd online bin und b) wenn ich es nicht bin, die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass ich mich gerade mit Live-Sport beschäftige, am liebsten Fussball. Es sollte leicht sein, mich für Promotions zu gewinnen; mir Downloads von etwas anzubieten, die für mich Sinn machen, und dafür meine E-Mail-Adresse zu erlangen; meine Aufmerksamkeit zu gewinnen, indem man etwas Tolles offeriert. Das ist bisher Nike gelungen mit diesem wunderbaren Werbespot über drei Minuten, insbesondere damit, Wayne Rooney als "White Trash Trailer Park Vollbart" zu inszenieren. Allerdings kenne ich Nike bereits und finde die Marke auch cool. Nothing new, eher Bestätigungswerbung. Ansonsten habe ich noch nach einer Möglichkeit gegoogelt, mit möglichst wenig Aufwand den kompletten Spielplan in meine Kalender auf Rechner und Smartphone zu kriegen...

... damit ich bloß keine Termine zur falschen Zeit zusage. Das hat beim Google Calendar toll geklappt, nur hat sich keine Marke die Mühe gemacht, sondern jemand anders: Die Sponsoren der deutschen Nationalelf zum Beispiel marschieren im Moment zielgerichtet an mir vorbei. Dabei ist es jetzt wirklich nicht mehr lang hin:







Um diesem Gedanken nachzugehen, wollte ich herausfinden, wer die Sponsoren eigentlich sind - gar nicht so leicht. Die Nationalelf-Webseite kommt nämlich wirklich schön gestaltet und aufgeräumt daher, aber quasi werbefrei.





















Das wäre dann ein ultra-cooler Move, wenn man im Katalanen-Stil meinte, man dürfe die Ehre der Mannschaft nicht mit Firmenlogos beschmutzen, aber davon sind wir ja meilenweit entfernt. Auf der Seite des Deutschen Fussball-Bundes habe ich aber die entsprechenden Logos auftreiben können.
Ich bin mir sicher, dass Mercedes-Benz als Obersponsor tollste Sachen macht. Und ich bin mir sicher, dass einige Menschen dort ihre Hausaufgaben nicht machen, denn beim Googlen zu dem Thema habe ich Public Viewings in der Berliner Niederlassung gefunden - wenn man nicht gerade in der Umgebung wohnt, nicht wirklich relevant - sowie das Angebot von WM-Sondermodellen. Juhuu. Wenn ich vielleicht erst in 2 Jahren an einen Benz denke, scheine ich noch nicht wichtig für Mercedes zu sein. WM-Editionen könnten bei Alltags-Produkten doch mehr Sinn machen, oder?









Und immerhin: Wenn Deutschland Weltmeister wird, kriege ich eine volle Rate geschenkt. Das ist leider irrelevant für jeden, der grad kein Auto - und dann auch noch so ein billiges - kaufen will. Und Deutschland würde man wohl auch so die Daumen drücken. Alle anderen, sicher vorhandenen Aktionen des Hauses habe ich auf die Schnelle nicht ergoogelt. Hey, it's advertising: Das soll zu mir kommen und nicht ich zu ihm. Selbst bei Coca-Cola - und es ist nicht gerade so, als würde ich nur noch Bio-Wasser trinken, eher im Gegenteil - musste ich googeln.
















Tolle Preise, und falls Codes auf den Flaschen sind, die ich - mein Pfandflaschendepot in der Küche sei mein Zeuge - zahlreich und oft in der Hand halte, habe ich diese übersehen. Zur Teilnahme an irgendwas muss ich mich zu allerallererst auch registrieren. Bei der Chance auf einen LCD-TV am Tag (oder 100 Coca-Cola-Fussbälle in LSD-Farben). Naja, ich bin auch nicht mehr 13, und die Flatscreens zuhause sind ok. Njet, keine Registrierung. Reichhaltig wird es -endlich- bei Bitburger:




















Hier gibt es die individualisierte-Trikots-Aktion. Und eine Facebook-Seite, die zwar fast nur eine Gewinnspiel-Teilnahmestation ist, aber immerhin. Einen Kicker zum Sixpack. Und einen digitalen Spielplan. Formschön und unnütz als pdf-Download, aber wieder: immerhin. Hier hat jemand wenigstens gute Absichten bewiesen, indem er sich Gedanken gemacht hat, was man als Fan so gebrauchen kann. Allgemein, und eventuell im digitalen Bereich.

Dabei müsste man im Digitalbereich nur ein wenig kreativ sein. Und selbstbewusst. Denn bei Content brauche ich natürlich nicht die letzten Ergebnisse. Und die Info, dass Ballack verletzt fehlt - hey, ich bin nicht seit gestern online. Ich habe meine Newsquellen bereits. Aber vielleicht würde ich bei Facebook oder Twitter den täglichen Zeiglers-Welt-des-Fussballs-Kommentar lesen. Ich brauche kein PDF (das auch noch quasi nicht ausdruckbar ist) des Spielplans, sondern eine Seamless-Integration in Outlook, Google-Calendar oder ähnliches. Ich brauche kein Marke-XYZ-Tippspiel, aber vielleicht einen wirklich unproblematischen, einfachen, gut benutzbaren Tippspiel-Generator für mich und Freunde/Kollegen, der nicht tot-gebrandet ist, sondern gut funktioniert. Mich interessiert mehr, wer denn bei Nordkorea der Superstürmer ist, als die Tatsache, dass es einen vierten Stern zu gewinnen gibt. Das weiss ich - seit 1990. Und vielleicht will ich auch nur eine Internetseite oder Smartphone-App, die während eines Spiels einen alternativen Kommentar anbietet, wenn mir Steffen Simon zu sehr auf den Keks geht.

Bottom-line bleibt das Gefühl, dass die Vorbereitungszeit von 4 Jahren in Kombination mit sicher nicht ganz billigen Sponsoring-Fees eher hinderlich als nützlich zu sein scheint. Es sieht so aus, als blicke man auf Kompromiss-Lösungen, die so weichgespült sind, dass sie wieder uninteressant werden. Aktionen, die bloß nichts falsch machen wollen, und deshalb nichts so richtig gut machen. Und nicht, dass das als Beschwerde verstanden wird: Eine "werbefreie" WM ist an sich nichts Schlimmes. Es fühlt sich nur an wie ein paar vergebene Elfmeter.