Technology is our friend: Mal halbprivat: Sharing is caring
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May 31, 2010

Mal halbprivat: Sharing is caring

Spätestens ab Beginn der Pubertät organisiert man sich in Cliquen. Einer der wenigen, aber ultrafesten Klebstoffe meiner ersten echten Clique war der Soul- und Funk-Sound der 70er und 80er Jahre. Damals. Als Musik nur auf physischen Tonträgern verfügbar war. Eine der größten Legenden, der rarsten Maxi-Singles, die Phantasiepreise auf Plattenbörsen erzielte und wegen der ich unzählige Flohmarktkisten durchwühlte, war das von Barry White produzierte „High Steppin‘“ vom „Love Unlimited Orchestra“. Wer es als schnödes Bootleg, als „illegale“ Nachpressung besaß, galt bereits als Held. Das Album hätte schon aristokratischen Status garantiert, und eine Maxi-Single in „Mint Condition“ wäre in unseren Kreisen nicht nur finanziell wertvoll, sondern vor allen Dingen sozial von unschätzbarem Wert gewesen. Ich hatte dieses Lied lange Zeit nur als Aufnahme auf einer Kassette, die ich einem DJ/Plattenhändler beim „Record Prince“ in Bielefeld-Gadderbaum abschwatzen konnte. Danach besaß ich eines dieser Bootlegs, und Jahre später, als Student, kaufte ich mir das Album auf einer Plattenbörse für vergleichsweise entspannte 30 DM. Die originale Maxi-Single habe ich bis heute nicht einmal in der Hand gehalten. Aber heutzutage, wo Musik vor allen Dingen digital vorliegt, muss man nur den Titel bei Youtube eingeben und findet verschiedenste Uploads davon - wundervoll!


Menschen machen sich die Mühe, diese Titel mit anderen zu teilen. Einige tun dies aus wirtschaftlichem Interesse, um als DJs oder Veranstalter einen Namen zu erlangen; andere wiederum aus Spaß an der Freude. Was aber immer hängenbleibt, ist „der Tippgeber“, der „Recommender“, der „Aufspürer“. Heute geht es nicht darum, den Titel als Material zu besitzen, sondern darum, ihn im Web aufzuspüren und ihn anderen verfügbar zu machen. Wenn jeder auf Millionen von Songs zugreifen kannst, zeigst Du Deine Kennerschaft nicht mehr mit Deinem Plattenregal, sondern mit den Links, die Du bei Facebook postest oder versendest. Sharing wird zur Selbstdarstellung, und das ist gut so, denn es bringt Menschen dazu, Videos von Live-Auftritten zu machen, im Zweifel sogar zurechtzuschneiden und online zu stellen – damit wir, die unbestimmten anderen, sie aufspüren und wiederum anderen vorzeigen können.
Der alte Spruch, den ich in meiner Jugend oft gehört habe, dass es in Zukunft nicht mehr darauf ankäme, Dinge zu wissen, sondern nur darauf, zu wissen, wo die Dinge verzeichnet sind, ist wahr geworden und hat sich auch auf Material übertragen, auf dem Medien früher gespeichert wurden. Heute geht es nicht mehr darum, eine Schallplatte oder eine CD zu besitzen, sondern die Titel verfügbar zu haben. ...

Eine Kassettenaufnahme des legendären, angeblich niemals in Zukunft erscheinenden „Black Albums“ von Prince war uns Sekundarstufe I-Schülern locker 50 DM wert. Ich will gar nicht wissen, als wie viel man das in gefühlter Kaufkraft heute bewerten müsste. Muss man zum Glück nicht, denn heute reicht es, das Video in seinem Blog zu embedden, um ein paar Leute an diese schöne, alte Zeit zu erinnern: sharing is caring.   
Vielleicht ist das Beispiel ganz gut geeignet, um zu zeigen, warum ich nicht an App-Magazine für iPhone und iPad glaube, die wie moderne Versionen unserer CD-Rom Spinnereien aus den frühen Neunzigern daherkommen und jegliche Interaktivität vermissen lassen. Neben der Google-Suche sind es Funktionen des uploading, sharing, embedding, weiterleitens und kommentierens, aufgrund derer meine „Beziehungen im Internet“ aus den Abermillionen von Inhalten DIE für mich auswählen können, die für mich relevant sind. Das ist bei Musik so, und das wird bei Newsartikeln zunehmend ebenso. Außerdem hat die "Eigenredaktion" den Charme, dass die Veröffentlichung nun in der Hand des Nutzers liegt - und nicht irgendwelcher Besitzer von Produktionsmitteln oder Infrastruktur. So sind von quasi jedem Konzert, das man besucht hat, Live-Aufnahmen verfügbar... und wenn die Anzahl der "views" niedrig genug ist, weiß man, dass man viel mehr als sentimentalen Wert nicht zu erwarten hat. Auch die Anzahl der Views ist also ein soziales Navigationsmittel.



Wenn also die Menge von etwas, sagen wir: verfügbaren Musiktiteln, nicht (wie damals) verknappt wird, sondern ins Unendliche wächst, dann sind die Such- und Findmechanismen entscheidend für die Erfahrung als Nutzer - "Search und Social" lautet die Formel. Und dabei können wir uns gegenseitig mehr helfen als jede Redaktion und jede noch so schlaue Kategorien-Navigation. Sharing is caring.


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Wer übrigens solche Musik mag und ein wunderbares Verzeichnis solcher Youtube-Links haben will, dem sei die Facebook-Seite von G.I. Disco empfohlen. Die "shared" quasi jeden Tag aus ihrem unendlichen Reservoir.