Technology is our friend: Ein Rückblick auf die letzte reine TV-WM
Back To Normal

July 12, 2010

Ein Rückblick auf die letzte reine TV-WM

31 Millionen Menschen in Deutschland haben das Halbfinale gegen Spanien am TV erlebt. Ein Marktanteil von über 80% und ein neuer Rekord – das letzte Halbfinale gg. Italien 2006 galt mit knapp unter 30 Mio Zuschauern als Partie mit der bisher höchsten Einschaltquote aller Zeiten in Deutschland. Zeitgleich scheint die Internetnutzung während des Turniers ebenfalls Rekorde aufgestellt zu haben. Kurz nachdem sich die NBA rühmte, während des siebten Spiels der Celtics gegen die Lakers mit 3.085 Tweets pro Sekunde einen neuen Rekord aufgestellt zu haben (der Durchschnitt liegt bei etwa 750 Tweets pro Sekunde), wurde das in den USA als weltbewegendes Ereignis wahrgenommene Basketballspiel von einem WM-Match zwischen keinen geringeren Teams als Japan und Dänemark übertroffen: über 3.200 Tweets pro Sekunde.
























Neben Twitter haben auch hinreichend viele Menschen während der Spiele Facebook benutzt – und das teilweise im Livestream. In fast allen Ländern haben die offiziellen Broadcaster auch einen Live-Internet-Stream angeboten, oftmals mit einer Facebook-Chatbox wie hier bei der ARD.




















Alle Spiele, alle Tore – dafür musste man früher entweder Monate nach dem Ereignis die DVD kaufen oder halt selbst aufzeichnen. Heute bieten fast alle Webseiten der Rechteinhaber eine Mediathek mit Zusammenfassungen und allen Toren (hier ZDF). Telecinco in Spanien bot sogar vollständige Wiederholungen der Spiele der eigenen Mannschaft an.














Und wenn man mal komplett ohne TV-Gerät oder Streaming auskommen muss, weil man etwa im Büro hinter einer bösen Firewall hockt, dann bieten die Live-Ticker von heute eine Berichterstattung, die recht nah am TV-Erlebnis liegt, indem etwa Bilder in Echtzeit mit in die Spiel-Kommentare eingebunden werden oder gleichzeitig Radioton (etwa bei Marca in Spanien oder L’Equipe in Frankreich) optional zum Text-Ticker hinzugeschaltet werden kann. Weiterhin hat man in Live-Tickern Echtzeitzugriff zu Statistiken, etwa beim offiziellen FIFA-Ticker mit „Heat Maps“...

... Laufstrecke der einzelnen Spieler (inkl. Höchstgeschwindigkeit) und anderer Daten und Fakten in Echtzeit.

Kein Wunder, dass man von einer hohen Parallelnutzung von TV und Internet ausgehen kann. In Anbetracht dessen, was das Internet normalerweise ergänzend zum TV-Bild – und mit Live-Stream dieses ersetzend – anbietet, kann man fast davon ausgehen, dass dieses die letzte reinrassige TV-WM war. Vielleicht zufällig, aber immer noch passend kurz vor dem Start der WM wurde etwa Google TV angekündigt. TV-Geräte mit Betriebssystem – oder, weniger wahrscheinlich, Set-Top-Boxen – werden uns schon in naher Zukunft die Parallelnutzung weitestgehend mit Fernbedienung und TV Screen ermöglichen. Die HTML-5-Seite der Zukunft, hier schön bei Clicker TV dargestellt, benötigt keine Maus und lässt die Geocities-Welt endgültig hinter uns. Stellt man sich vor, dass man die Kommunikationskomponente von Facebook und Twitter und die Informations-Tiefe der heutigen Live-Ticker mit den brillianten HD (oder dann 3D)-Fernsehbildern von heute auf einem Gerät wird kombinieren können, müsste jedem Fußballfan das Herz aufgehen. Zwar denken viele, dass gerade der Fußball als eines der wenigen „Straßenfeger-Ereignisse“ der Idee einer sich fragmentierenden Öffentlichkeit entgegensteht; damit liegen sie aber nach meiner Ansicht vollkommen falsch. Gerade der Fussball erfordert in Zukunft eine segmentgerechte Aufbereitung. Kommen wir also zurück zum Anfang: Warum sollten die die 31 Millionen Menschen, die in Deutschland das Halbfinale gegen Spanien im TV gesehen haben, etwas mit Internet-TV-Kombinationen anfangen können? Weil man sich fragen muss, wer diese 31 Millionen eigentlich sind.

















Die „Sportschau“ wird im Schnitt von gerade einmal 5 Millionen Menschen gesehen, weniger als die Hälfte – und selbst hier werden schon einige Doppelnutzer dabei sein – schalten regelmäßig beim „Aktuellen Sportstudio“ ein, und gut ein Zehntel der Sportschau-Konsumenten ist auch bei „Hattrick“, der Berichterstattung über die zweite Liga, dabei. Zwischen regelmäßigen Sportschau-Sehern und WM-Halbfinale-Publikum besteht also eine satte 25 Millionen-Kluft, die bedient werden will. Kein Wunder, dass die armen Kommentatoren es dabei niemand recht machen können. Vom Superfan, der als wandelndes Lexikon alles besser weiß, über den regelmäßigen Sportschau-Konsumenten und den Gelegenheits-Fan, etwa zum Pokalfinale, bis zum totalen Event-Zuschauer, der alle 2 Jahre bei den großen Turnieren einschaltet, ist eben alles dabei. Hier lassen sich Segmente bilden, die etwa mit demselben Live-Bild, aber dann mit unterschiedlichen Kommentaren bedient werden können, unterschiedlichen Rahmenprogrammen, unterschiedlichen Hintergrundinformationen. Denn während die einen damit zufrieden sind, wenn die Kommentatoren vom Nebenjob der Spielerfrau erzählen, wollen die anderen knallharte Taktik-Analysen. All dieses wird sich nur dann realisieren lassen, wenn der Übertragungsweg mindestens eines Teils der Information das Internet ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass ähnlich wie auf einer iPhone- oder Android-Plattform Applikationen angeboten werden, die bei der WM 2014 auf das TV Gerät geladen und sowohl dort bedient als auch konsumiert werden – erste Android-TV-Geräte gibt es ja bereits jetzt, wie dieses Gerät aus Schweden oder zukünftig in Partnerschaft von Sony und Google. Und wer weiß, was für tolle Dinge den Nutzern einfallen, die bis dahin mit Anwendungen wie dem Google App Inventor alle möglichen Apps selbst zusammensetzen können.
In der absoluten Masse werden diese bis dahin noch nicht angekommen sein – aber diese WM war die letzte, bei der Geeks mit dem iPad, iphone, Androidphone, Netbook oder sonst etwas auf dem Schoß vor den Fernseher mussten. Und bei der Fußball-Nerds einen Kommentar ertragen mussten, der für 20 Millionen Gelegenheits-Seher gemacht war.