Technology is our friend: Wissen ist Macht - ein paar Gedanken zu Wikileaks
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December 5, 2010

Wissen ist Macht - ein paar Gedanken zu Wikileaks

Der Philosoph Francis Bacon erkannte im siebzehnten Jahrhundert mit dem Satz „For all knowledge is power“ den direkten Zusammenhang zwischen Wissen und Macht. Gleichzeitig legen moderne Demokratien in ihren Verfassungen fest, dass „alle Macht vom Volke ausgeht“ – in diesem Satz steht das Prinzip der Volkssouveränität festgeschrieben, die in der deutschen Verfassung als "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus" formuliert ist. Die Schlussfolgerung, dass „das Volk“ daher „alles wissen“ müsse, ist natürlich unzulässig: Niemand kann bei klarem Kopf derartiges fordern. Vor ein paar Jahren war dieser ganze Themenkomplex auch noch kein öffentliches Thema – selbst nicht, als Scheinplebiszite durchgeführt wurden, die dann von den Machthabern geflissentlich ignoriert wurden, weil keine Weisung an deren Ergebnisse gebunden ist (Hallo Hamburg!).


Bild: http://www.cellphones.ca/news/post004155/

Das große Verdienst von Wikileaks ist nicht die „Enthüllung“ geheimer Dokumente, sondern das steigende Bewusstsein dafür, dass das Verhältnis von Wissen, Macht, Volk und gewählten Volksvertretern neu diskutiert werden muss.
Unabhängig davon, wie wichtig oder unwichtig, sinnig oder unsinnig die Veröffentlichung diplomatischer Dokumente ist, stellt sich nicht die Frage, ob man pro oder contra Wikileaks ist – es stellt sich die Frage, zu wieviel der Vorgänge in Regierungen und zwischen Staaten ein Volk bzw. im gleichen Atemzug die Weltöffentlichkeit Zugang haben sollte oder nicht. Im Falle eines Hubschrauberangriffs, bei dem gezielt und unter Anfeuerungen Zivilisten und Journalisten über den Haufen geschossen werden, ist meine persönliche Meinung klar; dass in der Konsequenz der Beschaffer des entsprechenden Videos, nicht aber die Schützen vor einem Gericht im selbsternannt freiesten Land der Welt stehen, zeigt auch, dass die Macht solcher Veröffentlichungen durchaus begrenzt ist.

Die Reaktionen derjenigen, die potenziell zu verlieren haben – nämlich ihren exklusiven Zugang zu Wissen – erinnert dabei ein bisschen an die Musikindustrie zur Jahrtausendwende: "Vielleicht geht das ja vorüber, wenn man es verbietet". Paypal nimmt keine Gelder mehr für Wikileaks an; Amazon wirft es von seinen Servern. Beides ganz sicher ganz selbstbestimmt, demokratisch und ohne politischen Druck, den wir bei Russland, Iran, China und anderen Staaten immer so gern anprangern.


Man kann sich aber sicher sein: Das wird nicht aufhören. Wikileaks ist nur eine Vorhut. Es wird Plattformen nach Wikileaks geben, die vielleicht nicht einmal wie hier mit eigenen Journalisten recherchieren und mit Medien wie dem Guardian und dem Spiegel zusammenarbeiten, sondern einfach alles an Dokumenten raushauen, gefälscht oder nicht, überprüft oder nicht, die ihnen zugespielt werden. Die repressiven Antworten auf Wikileaks sind kindische Antworten, panische Antworten, destruktive Antworten.

Bild: http://sahinmeyer.wordpress.com/
Das Verhältnis von öffentlicher und nicht-öffentlicher Information wird gerade bei uns, den westlichen Demokratien, in denen ich bloggen und schreiben darf, was immer mir in den Sinn kommt, neu definiert werden müssen. Es geht nicht darum, Westerwelles Büroleiter zu feuern und sich darüber aufzuregen, wie welcher Diplomat welchen Politiker einschätzt. Es geht darum, neu darüber nachzudenken, welche Informationen uns als Bürger eines Staates zustehen; es geht darum, den Spielraum festzulegen, in dem eine Öffentlichkeit in ihrem eigenen Interesse verarscht werden kann und darf – und in welchem Spielraum eben nicht. Es wäre ein großer Zufall, wenn wir jetzt gerade im optimalen Maß dessen leben würden. Ergo ist es sicher einen Gedanken wert, sich die derzeitige Lage dazu anzusehen. Aber keine einzige politische Partei in Deutschland, auch nicht die Grünen oder die Linken, erst recht nicht die Volksparteien oder die sonst doch so liberale FDP haben sich diesem Thema offensiv zugewandt. Man ist sich in der Ablehnung von Wikileaks einig; wahrscheinlich wird es auch noch von einem irren Vergewaltiger angeführt. Wenn dem so wäre, gehört der Kerl natürlich in einen Knast. Dennoch löst sich dadurch das Problem nicht, und so lange die Politik sich des Themas nicht annimmt, dass Bürger in fast allen Staaten gerne akkurater, klarer und wahrheitsgemäßer informiert werden möchten darüber, wie die von den Bürgern ausgehende Macht ausgeübt wird, so lange wird das Katz- und Maus-Spiel weitergehen; wenn es nicht Wikileaks ist, dann eben eine andere Plattform. Vielleicht auch nur als ein Torrent, der gar keine Webseite als Ursprungsort kennt.

Wikileaks wird nicht verschwinden. Vielleicht als diese eine Organisation, von der wir jetzt reden. Als Phänomen hat es gerade erst begonnen. Wir sind alle gut beraten, uns nicht über die eigentliche Information zu unterhalten, die da veröffentlicht wurde, als vielmehr darüber, was uns an Information zusteht und was nicht. Es ist die Pflicht aller Regierungen, dieses Verhältnis im digitalen Zeitalter neu zu definieren; in einem Zeitalter, in dem jeder von uns Kameras hat, Computer hat, Zugang zu Netzwerken hat, über die Information theoretisch einem Großteil der Weltbevölkerung zugänglich gemacht werden kann. Bitte beschäftigt euch mehr damit als mit der Frage, wie man Wikileaks endlich kleinkriegt.