Technology is our friend: Are we there yet? Eine Beobachtung von der Re:publica 11
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April 15, 2011

Are we there yet? Eine Beobachtung von der Re:publica 11

Ich hätte ja gern einiges zu den Vorträgen und Workshops geschrieben, aber der Großteil der Veranstaltungen, denen ich beiwohnen durfte, war dafür zu uninspiriert, mit den herausragend üblen Beispielen des Lichtblick-Chefs, der einen Vortrag hielt, der vor irgendeiner IHK in 2004 angemessen gewesen wäre, und (besonders enttäuschend) von Maxwell Salzberg, der unter dem Titel “Diaspora: building a better way to share” doch ernsthaft einen Vortrag darüber hielt, wie man Dinge im Leben erreicht und Projekte erfolgreich macht. Ich weiß ja nicht, ob er nicht insgeheim 17 supererfolgreiche Projekte laufen hat, aber in meinem Buch stehen bei ihm "23 Jahre alt, hat mit 3 Kumpels (und mit bescheidenem eigenen Zutun) 200.000 Dollar über eine Crowdsourcing-Plattform bekommen, um eine offene Facebook-Alternative zu bauen, von der ich seither kaum noch etwas gesehen habe".
Und dann erzählt der junge Mann buddha-eske Weisheiten über Lebens-, Arbeits- und Projektgestaltung im Stil von "Love what you do", anstatt über Diaspora als Plattform und ihre zentralen Gedanken zu referieren, was mich (und laut #rp11 Tweets auch einen Haufen anderer) brennend interessiert hätte. Und wenn ich schon motze, dann kann ich auch loben - sehr lehrreich und inspirierend waren für mich Daniel Domscheidt-Berg zu Openleaks, Martin Spindler zum "Internet of Things" , Gabriella Coleman zu Anonymous und heute morgen Patrick Meiers "One map at a time".

Wenn ich also nicht zu viel von den Vorträgen selbst erzählen kann, dann will ich hier eine Beobachtung schildern, die für mich eher zwischen den Zeilen hängen blieb: Ich habe das Gefühl, dass ein überwiegender Teil der "Webmenschen" bald mal gerne ankommen würde in der Zukunft. Es wurde viel über das "Internet of Things" referiert und diskutiert...

und noch mehr über Öffentlichkeit, Privatheit und Datenschutz, wem das Web gehört und wie es sich entwickeln wird. Und bei einigen Referenten, insbesondere aber im Publikum und bei Fragestellern sah es mir schwer danach aus, als würde man sich sehnen nach einer Zukunft, die endlich mal "fertig" ist. In welcher Welt werden wir leben, wenn dieses oder jenes passiert? Zumindest mal in einer Welt, in der diese oder jene grundlegende Sache entschieden und "ausentwickelt" ist. In der sich mal ein Stillstand zeigt, weil das oder jenes entschieden und damit abgeschlossen ist. Das scheint die Hoffnung, ja fast schon die Sehnsucht der Mehrheit der Leute zu sein, die sich intensiv mit solchen Themen befassen. Wenn man nur erwähnt, dass Facebook und Twitter vielleicht auch nur Durchgangsstationen sind und dass vielleicht selbst dann, wenn unsere Smartphonelinsen ins Auge implantiert und "augmented reality" die einzige "reality" ist, neue Entwicklungen kommen werden, die "schon wieder" Innovation, aber eben auch Bedarf nach Regelung, Risiko und Chance zugleich bedeuten werden, dann hat man das Gefühl, dass die Gesprächspartner sich am liebsten die Ohren zuhalten und laut singen würden: "Ich höre dich nicht, ätsch bätsch".

Vielleicht ist das nur mein persönlicher Eindruck, aber es scheint mir, als wären all die Sorgen um Netzneutralität, Datenschutz, Privatheit und allgemeines Wohlbefinden der Webwelt derart anstrengend und ermüdend, dass alle hoffen, dass wenn sie den Berg vor Ihnen bestiegen haben, sich hoffentlich kein neuer auftut. Visionen sollten bitte absoluten Charakter haben, denn wenn wir sie "nur" als die nächste Stufe, nur als weitere Durchgangsstation in der Digitalisierung und Vernetzung der Welt kennzeichnen, sagen wir ja gleichzeitig, dass hinter unserem aktuellen Berg ein noch viel höherer wartet, von dem wir außer seiner Existenz noch kaum etwas wissen.

Martin Spindler (@mjays) wies in seinem Vortrag darauf hin, dass wir unter "Internet of Things" vor 10 Jahren noch einen Kühlschrank verstanden, der Lebensmittel nachordern würde, wenn sie verbraucht werden. Eine Vision, über die wir heute lachen. Als er gefragt wurde, was ihn denn so sicher mache, dass wir in 10 Jahren nicht über die Visionen von heute lachten, erwiderte er: Nichts. Im Gegenteil sei es sogar ganz sicher, dass wir in 10 Jahren über das lachen werden, was wir uns heute als Zukunft in diesem Bereich vorstellen. Ich habe nach dieser Antwort  einige deprimierte Gesichter gesehen.