Technology is our friend: Magazine gestern, heute - und morgen?
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April 18, 2011

Magazine gestern, heute - und morgen?

In derselben Woche, in der Flipboard auf einer Evaluation von 200 Mio Dollar (!!) entspannte 50 Mio Dollar an Venture Capital einsammelt und damit unseren Blick auf die Zukunft richtet, zeigt ein Artikel in Meedia schön, woher diese Zukunft kommt: Dort hat man sich die Mühe gemacht und die Auflagen der Top 40 Magazine/Publikumszeitschriften aus dem Jahr 1990 und 2010 verglichen. Die große Überraschung bleibt aus: Natürlich sind die Auflagen zurückgegangen. Allerdings sind sie mehr als dramatisch zurückgegangen, denn wir reden hier immerhin von den absoluten Leadern, die 1990 noch dachten, ihnen könne nichts passieren.


Im Mittelwert sind es beeindruckende 52,99%, die bei den Top20 an Auflage verloren gegangen sind. Dabei fällt einzig der SPIEGEL positiv auf, der nur 8,2% verloren hat, und das ist wiederum kein Zufall. Erstens hat der Spiegel es geschafft, ein relevantes Online-Angebot zu schaffen, das aber nicht die Print-Auflage kannibalisiert, und zweitens ist der Anteil an "Commodity"-Infos im Spiegel vergleichsweise gering, während etwa eine "Hörzu", "TV Hören und Sehen" und "Fernsehwoche" eben doch vorrangig vom TV Programm leben - das seit 1990 zwar deutlich komplexer, aber eben auch viel leichter verfügbar geworden ist.

Das Beispiel des Spiegel zeigt, dass wir nicht vorschnell die Magazine als solches für tot erklären sollten, aber gleichzeitig sehen wir auch, dass es mehr und mehr eine Nische werden wird, von der ein Spiegel nur eine besonders breite erwischt hat. Der Blick auf die Positionen 21-40 in der Auflagenentwicklung der Magazine lässt das Bild nämlich noch dramatischer erscheinen:





Wertet man die zwei eingestellten Magazine mit 100% Auflagenverlust kommen wir hier im Schnitt auf 57% verlorene Auflage. Und auch hier sticht eine Nische heraus, die nur nicht so breit ist wie ein wöchentliches Nachrichtenmagazin, nämlich "Auto Motor und Sport" mit nur 17,2% Auflagenverlust, während "Die Zwei" fast 90% und "Burda Style" knapp 80% verlieren.

Es kann also, das zeigen "Spiegel" und "Auto Motor und Sport", nicht ausschließlich darum gehen, dass Menschen nicht mehr für Artikel bezahlen wollen; in bestimmten Nischen scheint das ja noch gut zu funktionieren. Es muss auch einen "technischen" Grund für diese Entwicklung geben, und ich vermute den hier: Das "Bundling" von Artikeln - das in Print-Magazinen notgedrungen passieren muss, weil man sie in einem Bündel Papier zusammenfassen muss - führt dort, wo zu viel irrelevantes miteinander gebündelt wird ("Frau im Spiegel", "Freizeit Revue") oder wo es um einen anderswo leicht verfügbaren Kern gebunden wird (meistens das TV-Programm), zu Verlust an Attraktivität. Hat man dort vielleicht eine Ratio von 5 von 20 individuell als relevant empfundenen Artikeln, so erlaubt das reine Absurfen von Seiten oder eben in Zukunft ein Dienst wie Flipboard eine mit Sicherheit deutlich höhere Ratio. Dazu kommen natürlich Faktoren wie Aktualität (wer liest denn heute schon "neuen" Gossip in einem Wochenmagazin, wenn jedes Portal Celebrity-News auf seiner Homepage hat) und eben der Preis. Glaubt man den meisten Studien zum Leseverhalten der Menschen unter 20, so ist man dann doch versucht, dem Magazin als solchem - sowohl auf Papier, als auch langfristig als einfaches Bündel von Artikeln selbst im digitalen Umfeld - das Ende hervorzusagen. Letztlich scheint es so zu sein, als würde das "Kuratieren von Artikeln" durch eine Redaktion dem "Kuratieren durch Leser bzw. Freunde" langfristig unterliegen. Den Meedia Artikel hab ich auch nicht gefunden, weil ich mich da jeden Tag herumtreibe, sondern weil ein Facebook-Freund (Huhu Jürgen!) ihn gepostet hat.
  
Ergänzung 19.4. - siehe Kommentare (danke Kai!): Insgesamt ist der Auflagenrückgang nicht so dramatisch, aber die Auflage verteilt sich auf mehr Titel und hat eine insgesamt auch ernstzunehmende Negativdynamik. Dass die Auflagenverluste nur aus dem Web kommen, mag weit hergeholt wirken, aber mir erscheint das logisch; bei allen Publisher-Webseiten, die ich kenne, kommt obendrein mittlerweile ein signifikanter (und steigender) Anteil des Traffics aus dem Social Web, und das ist ein starkes Indiz für "social curation" versus "editor curation" - und das bedeutet auch, wir nehmen Artikel zunehmend durch Newsfeeds und damit unabhängig vom Ort ihrer Entstehung wahr. Das Magazin wird mehr zum "Absender/Label" als zum Ort der Veröffentlichung (wie es auf Papier notgedrungen der Fall ist). To be continued.
http://www.presseforschung.de/struktur/ivwgraf.htm