Technology is our friend: Die Flugreise, Wasser auf die Misanthropen-Mühlen
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May 24, 2011

Die Flugreise, Wasser auf die Misanthropen-Mühlen

Flugreisen, insbesondere geschäftliche vom Schlage TXL-MUC am Montag morgen um 8 Uhr, sind ideal, um einen ganz normalen und netten Zeitgenossen nahe an den Rand des Menschenhassers zu bringen. Oder zumindest des Menschenzweiflers. Denn als Menschen sind wir ja den Schimpansen, Hunden und Vögeln eigentlich einiges voraus: Etwa, dass wir Selbst-Bewusstsein haben, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begreifen und über Sprache verfügen, der die Möglichkeit inneliegt, von physischen Dingen zu abstrahieren und auf Sachen oder Personen zu referenzieren, die nicht unmittelbar „da“ sind. So können wir uns in andere Menschen hineinversetzen und können Konsequenzen von eigenen oder kollektiven Handlungen kalkulieren, bevor wir sie begehen. Wir können uns also letztlich in Gesellschaften organisieren, wo der Stärkere dem Schwächeren hilft, was langfristig auch dem Stärkeren zugute kommt. Wo einer Brot backt, ein anderer Zeitungen druckt und noch einer Hosen verkauft, am Ende aber alle Brot, Zeitungen und Hosen haben. Wir kriegen eine so komplexe Organisation nur deshalb hin, weil wir zumindest im Ansatz verstehen, dass wenn jeder nur das täte, was nur für ihn gut ist, diese Organisation scheitern würde. Jeder rückt ein Stückchen von seinem Egoismus ab – zahlt seine Steuern, bestiehlt keine Omas, haut dem Schwächeren (der etwa nervt, weil er vor sich hinpfeift) keine runter, obwohl er das locker könnte – und trägt damit ein Stück zum Gemeinwohl bei.
Bei der Flugreise ist das ganz anders.
Hier zählt die Gemeinschaft nicht. Hier ist jeder auf sich allein gestellt und seines Glückes Schmied. Es geht schon dabei los, dass in der Regel ja nicht der Handtaschenräuber und Fahrraddieb in Business-Zombie-Aufzug (Anzug, Hemd, mit/ohne Krawatte, Laptop-Tasche) fliegt, sondern de facto der Business-Zombie höchstselbst: Controller, Werber, Berater, Architekten, Ingenieure und manchmal sogar auch weibliche Exemplare dieser Berufe. Wenn die nette Fluglinien-Person am Schalter dann darum bittet, dass zunächst nur die Reihen 15-31 boarden sollten, ist das diesen doch eher gebildeten, eigentlich die Dynamik von Gruppenverhalten verstehen sollenden Menschen aber schlicht egal. Bei einigen merkt man die Panik, dass man das „Handgepäck“, das in diesen Fällen meist eher wie die rollende Samsonite-Version einer Schrankwand wirkt, vielleicht doch nicht verstaut bekäme, wenn zu viele andere zuerst einsteigen – was schließlich wertvolle Minuten an Lebenszeit kosten würde, wenn das Gepäck doch noch aufgegeben werden müsste. Bei anderen scheint es reine Irrationalität zu sein. Vielleicht ist es ein Instinkt, nicht der Letzte sein zu dürfen, als stünden Futternäpfe in den Flugzeuggängen. Vielleicht gibt es doch eine innere Panik, dass man nicht mitgenommen würde, wenn man nicht möglichst schnell das Flugzeug besteigt. In jedem Fall hat Ratio gegen einen Ur-Instinkt keine Chance. Die paar Minuten Lebenszeit, die man am Gepäckband verschenkt hätte, nimmt man dann lieber allen gemeinsam, indem das Einsteigen 20 Minuten länger dauert, als es müsste.
Könnte so schön sein: Boarding Gate
(Bild: http://movieposters.2038.net/p/Boarding-gate.jpg)

Hat man einmal den zugewiesenen Sitzplatz erreicht, beginnt der Kampf um die Armlehne. Der Mann auf dem Mittelplatz (Frauen sind da anders, wie beim Grillen: souveräner) ist durch die Zuweisung des minderwertigen Platzes ohnehin gedemütigt genug. Als hätte man ihm keinen Platz beim Feuermachen vor der Höhle gelassen. Seine Rache ist die gnadenlose Annexion der Armlehnen; wenn möglich, mit gezieltem direkten Körperkontakt zum Sitznachbarn. Oberarm- und Ellenbogen-Schubbern, dabei aber in das Ingenieursbuch vertieft. Das zeigt, dass man keine Konfrontation scheut, ist aber unschuldiger als offenes Angrunzen,was vielleicht passender, aber weniger akzeptiert wäre. Und dann: Tomatensaft bestellen, um zu zeigen, dass man Flugexperte ist. Und dass es ein Irrtum war, den grunzenden Typen mit dem dicksten Rinder-Oberschenkel-Knochen im Haar nicht direkt an die Feuerstelle gelassen zu haben.

Am schönsten wird es aber am Gepäckband. Hier sind nur noch die Schwachen unter sich: Die, die ihre rollende Schrankwand haben aufgeben müssen. Diese wiederum scheinen einen Hab-und-Gut-Instinkt zu spüren, der das möglichst schnelle Wieder-an-sich-Reißen der eigenen Besitztümer befiehlt. "Da vorne ist ein Loch in der Wand, da kommen die Koffer raus, alle hin!" Dort stehen sie dann und drängeln sich. Diejenigen, die selbst hier zu spät sind, bilden dann eine unüberwindliche Menschenkette, so nah es geht am Förderband. Wenn das Schienbein nicht die Umrandung dieses magischen Bandes berührt, steht man zu weit weg. Diese Position sichert nämlich Zugriff, einerseits auf das eigene Hab und Gut, andererseits aber auch visuellen Zugriff auf jeden potenziellen Kofferklauer, der wahrscheinlich zum Spaß von Köln nach Berlin fliegt, sich aber am Ende überlegt, dass sich das nur lohnte, wenn man zufälllig ausgewählte Rimowas stehlen würde. Es ist schwer vorzustellen, dass 50 trainierte Schimpansen sich vollkommen anders aufstellen würden, wenn sie wüssten, dass gleich Bananen auf dem Band herausgefahren kommen.

An einigen Flughäfen hat man sich eine Lösung für das Dilemma überlegt: Eine Linie, 1,50 Meter vom Band entfernt, an der jeder theoretisch stehen bleiben könnte. Auf diese Weise hätten alle Sicht und nur die, die ihren Koffer erblicken, könnten vortreten und zugreifen. Auch hier würde die Gesamtheit ein paar Minuten Lebenszeit sparen, aber die Aussicht des Einzelnen, vielleicht doch die 17 Sekunden schneller zu sein, die es dauern würde, wenn man eben nicht direkt am Kofferloch/Gepäckband-Rand steht, lässt alle Reisenden diese Linie ignorieren. Wohlgemerkt Menschen, die in der Postfilliale andere auf Linien hinweisen, die Diskretion beim Briefmarkenkauf garantieren. Jene, die einem Navi wahrscheinlich in den Abgrund folgen würden, wenn es auf dem Bergpass „scharf rechts abbiegen“ befehlte. Überleben ist aber scheinbar weniger wichtig als sein Besitztum schnell wieder einzusammeln -  und dabei noch schneller zu sein als die anderen.
Menschenkette: Wenn nicht gegen Atomkraft, dann für den Koffer.
(Bild: http://static.rp-online.de/layout/showbilder/46206-gepaeckband_flughafenfoto.jpg)

Das Schlimme dabei ist ja, dass diejenigen, die sich im Tiefflug am Kofferschacht ihre Tasche sichern und als erste ins Flugzeug stürmen, um Platz 2A einzunehmen, die sich für Vollprofis halten, weil sie nach der Landung nicht klatschen und das offensiv verpönen, dass diese auch die sind, die in der Höhlenmenschen-Zeit wohl am sichersten überlebt hätten. Aber jeder, der sich über 10.000BC hinaus wähnt und nach dem Flug nicht am liebsten Mammutreste essen würde, sollte bei Flugreisen eigentlich halbwegs ruhig bleiben können. Ich zähle mich dazu. Nur misanthropische Gedanken, die kann ich dabei nicht abstellen. Aber immerhin ist das etwas, was Schimpansen nicht können.