Technology is our friend: Mein Griechenland-Rezept: Radikale Digitalisierung
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June 3, 2011

Mein Griechenland-Rezept: Radikale Digitalisierung

Offensichtlich bin ich beim Thema der griechischen Finanzkrise nicht vollkommen neutral und teilnahmslos. In den letzten Monaten wurde ich aber auch ein wenig dazu getrieben, mich mehr als eigentlich gewollt (oder geneigt) mit dem Thema zu beschäftigen, weil zur Höhephase der Hilfen-Diskussion hinreichend Leute so taten, als würde ich persönlich ihr Geld klauen (und dabei ignorierten, dass auch mein Steuergeld in Deutschland eingeht), und ich immer wieder Stellungnahmen zur allgemeinen griechischen Befindlichkeit abgeben musste, als gäbe es so etwas und selbst wenn, als wäre ich der richtige Pressesprecher dazu. Nun, ich könnte ja jetzt vieles loswerden über eine Kanzlerin, gutes deutsches Geld und faule Südländer, letztlich ist ja ohnehin mangelnde Disziplin und fehlender Arbeitswille schuld, siehe Burkina Faso oder Äthiopien, die sitzen auch nur den ganzen Tag rum oder pflücken für o,2 Cent im Monat Baumwolle, was auch irgendwie eigene Schuld ist. Aber lassen wir das. Wenn ich sehe, dass ganz normale Leute in Griechenland auf die Straße  gehen und protestieren, weil es ihnen an den schmalen Geldbeutel geht, kann ich sie verstehen.

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Denn offenbar ist der Plan der, sich das Geld dort zu holen, wo man Zugriff hat. Dabei fehlt dieses ganze Geld neben allerlei Banken-Kram mit lascher Kreditvergabe deshalb, weil man an vielen Stellen eben keinen Zugriff hat: Die Schätzungen gehen auseinander, aber zwischen 20 und 30% der griechischen Volkswirtschaft sollen angeblich am Staat vorbeigehen. Und das kann ich mir auch lebhaft vorstellen; ich kenne Berichte aus der eigenen Familie, nach denen der eine oder andere Zahnarzt quittungslose Zusatzzahlungen beansprucht oder sich im Gegenzug weigert, die notwendige Behandlung vorzunehmen. Es gibt nicht wenige Menschen in Griechenland, die ein Ferienhaus und ein Boot haben, aber mehr oder weniger selbst bestimmen, wieviel Steuern sie zahlen - und was Wunder, sie zahlen intuitiv ein klein bisschen weniger als das, was der Staat ihnen korrekterweise abnehmen würde. So ist eine zentrale Forderung der Protestler in Griechenland auch nicht, was man bei der hiesigen Berichterstattung manchmal annehmen möchte, die Rente mit 31 und eine 40jährige Lohnfortzahlung im Schnupfenfall, sondern eine gerechte Verteilung der Aufwendungen, die am besten bei denen beginnen sollte, die viel verdienen und kaum Steuern zahlen. Wie man einer Wirtschaft Herr werden soll, die seit Jahrzehnten mit gezielter Auslassung von Dokumentation (Zahlung, Rechnung, Lieferung) arbeitet, darüber machen sich ganz bestimmt auch schlauere Köpfe viele Gedanken. Mein erster Vorschlag war, 500 deutsche Finanzbeamte von dem Schlag, wie ich einen am Hacken habe, für ein paar Jahre nach Griechenland zu entleihen (falls Sie das lesen: Das ist ein Kompliment :-). Seit Frau Merkel aber nur Lobeshymnen Richtung Griechenland loswird, also ungefähr seit Beginn der Krise, wird die Akzeptanz ausgerechnet des deutschen Staatsdieners eher schwierig ausfallen (die Quote der Taxifahrer, die Dich in Griechenland auf Merkel ansprechen, wenn du andeutest, in Deutschland zu wohnen: 102%). Bleibt aus meiner Sicht nur noch eines: radikale Digitalisierung. Wir alle wissen, dass die totale Digitalisierung aller nur erdenklichen Vorgänge, also automatisierte Daten-Entstehung, -Erfassung, -Verarbeitung und -Speicherung, das Grundrezept eines totalen Überwachungsstaates ist. Es wäre etwa ein Leichtes, Neuwägen mit einem Chip auszustatten und per GPS und Geschwindigkeitsmessung nicht mehr über Radarfallen, sondern über Digitalisierung alle Temposünder mit Bußgeldern zu belegen. Dass wir das so nicht wollen, außer in den Tempo 30 Zonen vor Schulen und Kitas vielleicht, leuchtet ein. In Griechenland wäre das aber eventuell einer der sauren Äpfel, in die man beißen muss. Also jetzt nicht das Tempobeispiel, sondern der Überwachungsstaat: eine radikale Digitalisierung sämtlicher steuerrelevanten Vorgänge. Im Zweifel müsste man vielleicht nur noch Münzgeld zulassen, wenn überhaupt, damit die 2 Omas in Griechenland, die noch kein Handy haben, auch allein ihr Brot kaufen können. Ansonsten ist aber jeder dort mit einem persönlichen digitalen Gerät ausgestattet. Es gibt viele Länder, bei denen beliebig von Handy zu Handy transferierbare SMS-Guthaben quasi eine Zweitwährung bilden. Wenn wir es weniger afrikanisch wollen, bauen wir halt ein griechisches Paypal, was das geringste Problem darstellen sollte. Aber radikale Digitalisierung hieße: Keine Wassermelone verlässt mehr den Hof ohne RFID Tag und kein Zahnarzt kann seinen Bohrer anschmeißen, ohne dass beim Finanzamt das Taxameter umspringt. Kein Wasser am Kiosk wird verkauft, ohne dass die Transaktion gleich irgendwohin gefunkt wird, und kein Immobilienkauf findet zu irgendeinem steuerpflichtigen minimalen Fantasiepreis statt, weil der Rest nicht in bar an der Autobahnraststätte übergeben werden kann. Radikale Digitalisierung eben. 
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Die mittlerweile obskuren 300 Fantastillionen Schulden wird das vielleicht nicht einbringen, aber eventuell muss man dann auch nicht die Akropolis an saudische Sammler verscherbeln und rettet im Nebeneffekt die eine oder andere deutsche Bank davor, nochmal Bailouts in Anspruch nehmen zu müssen. Gibt ja auch Karmapunkte, sowas.