Flugreisen, insbesondere geschäftliche vom Schlage TXL-MUC am Montag morgen um 8 Uhr, sind ideal, um einen ganz normalen und netten
Zeitgenossen nahe an den Rand des Menschenhassers zu bringen. Oder zumindest des Menschenzweiflers. Denn als Menschen sind wir ja den
Schimpansen, Hunden und Vögeln eigentlich einiges voraus: Etwa, dass wir
Selbst-Bewusstsein haben, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begreifen und
über Sprache verfügen, der die Möglichkeit inneliegt, von physischen Dingen zu
abstrahieren und auf Sachen oder Personen zu referenzieren, die nicht unmittelbar
„da“ sind. So können wir uns in andere Menschen hineinversetzen und können
Konsequenzen von eigenen oder kollektiven Handlungen kalkulieren, bevor wir sie begehen. Wir können uns also letztlich in
Gesellschaften organisieren, wo der Stärkere dem Schwächeren hilft, was
langfristig auch dem Stärkeren zugute kommt. Wo einer Brot backt, ein anderer
Zeitungen druckt und noch einer Hosen verkauft, am Ende aber alle Brot,
Zeitungen und Hosen haben. Wir kriegen eine so komplexe Organisation nur deshalb
hin, weil wir zumindest im Ansatz verstehen, dass wenn jeder nur das täte, was
nur für ihn gut ist, diese Organisation scheitern würde. Jeder rückt ein
Stückchen von seinem Egoismus ab – zahlt seine Steuern, bestiehlt keine Omas, haut
dem Schwächeren (der etwa nervt, weil er vor sich hinpfeift) keine runter, obwohl er
das locker könnte – und trägt damit ein Stück zum Gemeinwohl bei.
Bei der Flugreise ist das ganz anders. Hier zählt die Gemeinschaft nicht. Hier ist jeder auf sich allein gestellt und seines Glückes Schmied. Es geht schon dabei
los, dass in der Regel ja nicht der Handtaschenräuber und Fahrraddieb in
Business-Zombie-Aufzug (Anzug, Hemd, mit/ohne Krawatte, Laptop-Tasche) fliegt,
sondern de facto der Business-Zombie höchstselbst: Controller, Werber, Berater,
Architekten, Ingenieure und manchmal sogar auch weibliche Exemplare dieser
Berufe. Wenn die nette Fluglinien-Person am Schalter dann darum bittet, dass
zunächst nur die Reihen 15-31 boarden sollten, ist das diesen doch eher
gebildeten, eigentlich die Dynamik von Gruppenverhalten verstehen
sollenden Menschen aber schlicht egal. Bei einigen merkt man die Panik, dass
man das „Handgepäck“, das in diesen Fällen meist eher wie die rollende Samsonite-Version
einer Schrankwand wirkt, vielleicht doch nicht verstaut bekäme, wenn zu viele
andere zuerst einsteigen – was schließlich wertvolle Minuten an Lebenszeit
kosten würde, wenn das Gepäck doch noch aufgegeben werden müsste. Bei anderen
scheint es reine Irrationalität zu sein. Vielleicht ist es ein Instinkt, nicht
der Letzte sein zu dürfen, als stünden Futternäpfe in den Flugzeuggängen. Vielleicht gibt es doch eine innere Panik, dass man nicht mitgenommen würde, wenn man nicht möglichst schnell das Flugzeug besteigt. In jedem Fall hat Ratio gegen einen Ur-Instinkt keine Chance. Die paar
Minuten Lebenszeit, die man am Gepäckband verschenkt hätte, nimmt man dann lieber
allen gemeinsam, indem das Einsteigen 20 Minuten länger dauert, als es müsste.
Hat man einmal den zugewiesenen Sitzplatz erreicht, beginnt
der Kampf um die Armlehne. Der Mann auf dem Mittelplatz (Frauen sind da anders,
wie beim Grillen: souveräner) ist durch die Zuweisung des minderwertigen Platzes
ohnehin gedemütigt genug. Als hätte man ihm keinen Platz beim Feuermachen vor
der Höhle gelassen. Seine Rache ist die gnadenlose Annexion der Armlehnen; wenn
möglich, mit gezieltem direkten Körperkontakt zum Sitznachbarn. Oberarm- und Ellenbogen-Schubbern, dabei aber in das Ingenieursbuch vertieft. Das zeigt, dass man keine
Konfrontation scheut, ist aber unschuldiger als offenes Angrunzen,was
vielleicht passender, aber weniger akzeptiert wäre. Und dann: Tomatensaft bestellen, um zu zeigen, dass
man Flugexperte ist. Und dass es ein Irrtum war, den grunzenden Typen mit dem
dicksten Rinder-Oberschenkel-Knochen im Haar nicht direkt an die Feuerstelle
gelassen zu haben.
Am schönsten wird es aber am Gepäckband. Hier sind nur noch die
Schwachen unter sich: Die, die ihre rollende Schrankwand haben aufgeben müssen. Diese
wiederum scheinen einen Hab-und-Gut-Instinkt zu spüren, der das möglichst
schnelle Wieder-an-sich-Reißen der eigenen Besitztümer befiehlt. "Da vorne ist
ein Loch in der Wand, da kommen die Koffer raus, alle hin!" Dort stehen sie dann
und drängeln sich. Diejenigen, die selbst hier zu spät sind, bilden dann eine
unüberwindliche Menschenkette, so nah es geht am Förderband. Wenn das Schienbein
nicht die Umrandung dieses magischen Bandes berührt, steht man zu weit weg. Diese
Position sichert nämlich Zugriff, einerseits auf das eigene Hab und Gut, andererseits aber auch visuellen Zugriff auf jeden potenziellen Kofferklauer, der wahrscheinlich
zum Spaß von Köln nach Berlin fliegt, sich aber am Ende überlegt, dass sich das
nur lohnte, wenn man zufälllig ausgewählte Rimowas stehlen würde. Es ist schwer
vorzustellen, dass 50 trainierte Schimpansen sich vollkommen anders aufstellen
würden, wenn sie wüssten, dass gleich Bananen auf dem Band herausgefahren
kommen.
An einigen Flughäfen hat man sich eine Lösung für das
Dilemma überlegt: Eine Linie, 1,50 Meter vom Band entfernt, an der jeder theoretisch
stehen bleiben könnte. Auf diese Weise hätten alle Sicht und nur die, die ihren
Koffer erblicken, könnten vortreten und zugreifen. Auch hier würde die Gesamtheit
ein paar Minuten Lebenszeit sparen, aber die Aussicht des Einzelnen, vielleicht
doch die 17 Sekunden schneller zu sein, die es dauern würde, wenn man eben
nicht direkt am Kofferloch/Gepäckband-Rand steht, lässt alle Reisenden diese
Linie ignorieren. Wohlgemerkt Menschen, die in der Postfilliale andere auf Linien hinweisen, die Diskretion beim Briefmarkenkauf garantieren. Jene, die einem Navi wahrscheinlich in den
Abgrund folgen würden, wenn es auf dem Bergpass „scharf rechts abbiegen“ befehlte. Überleben ist aber scheinbar weniger wichtig als sein Besitztum schnell wieder
einzusammeln - und dabei noch schneller
zu sein als die anderen.
Das Schlimme dabei ist ja, dass diejenigen, die sich im
Tiefflug am Kofferschacht ihre Tasche sichern und als erste ins Flugzeug
stürmen, um Platz 2A einzunehmen, die sich für Vollprofis halten, weil sie nach der Landung nicht klatschen und das offensiv verpönen, dass diese auch die sind, die in der Höhlenmenschen-Zeit
wohl am sichersten überlebt hätten. Aber jeder, der sich über 10.000BC hinaus
wähnt und nach dem Flug nicht am liebsten Mammutreste essen würde, sollte bei
Flugreisen eigentlich halbwegs ruhig bleiben können. Ich zähle mich dazu. Nur misanthropische
Gedanken, die kann ich dabei nicht abstellen. Aber immerhin ist das etwas, was
Schimpansen nicht können.