Technology is our friend: Innovationsbremse Politik
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January 12, 2012

Innovationsbremse Politik

British Columbia, eine ruhige Provinz in Kanada, die außerhalb Vancouvers wohl vorrangig aus Wäldern, Bären und Einsiedlern besteht, hat jetzt auch seine Wutbürger. Nicht wegen eines Bahnhofs, einer geklauten Doktorarbeit oder seltsamen Hauskrediten, sondern wegen eines Stromzählers. Genauer gesagt wegen 1,8 Millionen Stromzählern, die der staatseigene Versorger BC Hydro in die Heime der Einwohner pflanzen will.

Warum? Der „Smart Meter“ der Firma Itron soll im Wesentlichen folgendes tun: Den Energieverbauch in British Columbia reduzieren und damit Kosten sparen. Der Gedanke ist dieser: Wenn alles mit allem vernetzt ist, kann Energie intelligent gesteuert und bepreist werden. Wenn also ein Smart Meter erfasst, wann die Waschmaschine läuft, der Kühlschrank geöffnet wird, die Glotze auf Stand-By steht und das iPad geladen wird, ist es möglich, den Stromverbrauch je Haus basierend auf diesen Daten zu optimieren. Wenn darüber hinaus alle Häuser miteinander vernetzt sind – also ein so genanntes „Smart Grid“ existiert – kann die Auslastung des Stromnetzes optimiert werden. 
Diese Auslastung ist, soweit ich es verstehe, das Hauptproblem der analogen Distribution von Strom, wie wir sie derzeit haben: Wenn alle zur selben Zeit die Waschmaschine anwerfen, ist das Netz überlastet, wenn alle zur selben Zeit schlafen und die Lampen aus haben, ist es unterfordert, und Energie geht verloren. Ein Smart Grid könnte da regulierend eingreifen. Strom zur Stoßzeit wird teurer; ein Lichtschalter könnte sich schwerer umlegen lassen, wenn es teurer wird, und leichter umlegen lassen, wenn es billig ist. Ein Gerät könnte gar nur funktionieren, wenn die Stromsituation günstig ist. Es gibt unendlich viele Szenarien, die den Einzug der Digitalisierung und Vernetzung mit extremen Einsparungs- und Optimierungsmöglichkeiten rechtfertigen.
Wie könnte man etwas dagegen haben? Warum gehen die Kanadier in British Columbia dann auf die Barrikaden? 
Sie trauen der Politik nicht. 
Sie befürchten, die Smart Meter könnten strahlen wie 1000 Mobiltelefone auf einmal. Noch mehr befürchten sie, dass ihre Verbrauchsdaten – wann öffne ich den Kühlschrank, wann schaue ich fern – nicht anonym bleiben. Sie befürchten, wie so viele Menschen bei so vielen Themen, den „gläsernen Bürger“.

Transfer nach Deutschland. Wem außer den Piraten traut ihr zu, die gesetzlichen Bestimmungen so auf die Beine zu stellen, dass man einem Smart Meter im eigenen Haushalt, staatlich verordnet, zustimmen würde? Welche Partei wäre dazu in der Lage, eine Datenkontrolle derart zu bewerten, dass mir alle Daten meines Verbrauchs und anonymisiert Peer-Group-Daten anderer Haushalte zur Verfügung stünden, dass aber der thüringische Verfassungsschutz nicht einfach nachschauen könnte, wann ich zuhause war und wann nicht? Welchem Unternehmen traut ihr zu, die Dinger so zu bauen, dass nicht 2 Tage nach Erstinstallation der CCC die Verbrauchsdaten des CEOs eben jenes Unternehmens öffentlich ins Netz stellen könnte? Ich kann es den Kanadiern jedenfalls nicht verdenken, wenn sie sich nicht wohl fühlen mit den Digitalometern da an ihren Stromnetzen.

Mangelnde Digitalkompetenz in der Politik wirkt sich nicht nur auf Copyright-Gesetze und GEMA aus, sondern wird zunehmend eine Innovationsbremse in nahezu allen Bereichen unseres Lebens sein. Es wird Zeit, die Alibi-Enquete-Kommissionen sein zu lassen und sich Experten ins Haus zu holen.