Seit einigen Wochen
überschlagen sich die US-amerikanischen
und in der Folge auch europäischen Blogs und Tech-Medien bezüglich
Pinterest:
Es ist ohne Zweifel DER
Newcomer unter den sozialen Plattformen in 2012 bisher.
Eine Beschreibung des Dienstes findet man an ganz vielen Stellen im Web, daher
für alle, die es sich noch nicht selbst angesehen haben, nur in aller gebotenen
Kürze: Pinterest erlaubt es, „Boards“ anzulegen, also einzelne Webseiten
innerhalb Pinterest.com, auf denen man Web-Fundstücke in Form von Bildern, die
irgendwo im Internet gefunden wurden, ablegen kann. Dabei muss man nicht aktiv
das Bild kopieren, speichern und irgendwo einfügen sowie eine Quellenangabe
beigeben, sondern mit dem sogenannten „Bookmarklet“ reichen zwei Klicks, um diesen
Vorgang zu vollziehen. Diese Mechanik via Bookmarklet ist nicht neu: Mein eigener
Posterous-"Blog", auf dem ich im wesentlichen Infografiken samt Ursprungsquelle sammle, funktioniert auf exakt diese Weise.
Bei Pinterest entstehen nicht Einzelblogs, sondern thematische Sammlungen als "Boards", etwa „schöne
Frauenfotos“ oder „Produkte, die ich haben will“, und wer auf ein Bild in einem
solchen Board klickt, landet automatisch in der Quelle, wo das Bild
veröffentlicht wurde. Man kann einzelnen Boards „folgen“, ähnlich wie man
Personen bei Twitter folgen kann, Bilder ähnlich wie in Facebook „liken“ und
ähnlich wie in Tumblr re-posten in einem eigenen Board. Auf diese Weise erlangen
diese Web-Fundstücke eine zusätzliche Verbreitung, und diese führt zu Traffic
auf der Ursprungsseite des jeweiligen Bildes: Der Grund, warum Pinterest in aller
Munde ist, liegt darin, dass es extrem erfolgreich in einem Geschäft ist, in
dem Google und Facebook dominieren: Der Zuführung von Traffic auf Webseiten.
Wir haben es also mit einer Mischform aus Social Bookmarking
und Social Network zu tun. Als Nutzer kann ich extrem einfach Dinge sammeln und
veröffentlichen, und als Unternehmen kann ich, ähnlich wie mit „Like“, mit
einem „Pin-it-Button“ versuchen, mehr Öffentlichkeit für meine Inhalte zu
erlangen, also Traffic auf meine Seite zu ziehen.
Die entscheidende Frage bei Pinterest ist aber genau die
Gewichtung zwischen Social Network und Bookmarking-Dienst: Wo fängt eigentlich „Sharing“
an und wo hört eine Verlinkung auf? Wenn ich, sagen wir mal als Fotograf, ein
Bild veröffentliche, und mir wünsche, dass meine Webseite die einzige im ganzen
Web wäre, auf der es bestaunt werden kann – darf das Bild dann jemand „pinnen“?
Darf es zum Beispiel als Vorschau eines Links im Facebook-Newsfeed auftauchen?
Macht sich jemand strafbar, wenn er wahllos Inhalte „pinnt“? Ich bin kein
Anwalt und will mich gar nicht erst darin versuchen, hier eine juristische
Einordnung vorzunehmen. Gefühlt ist es so, dass ein Vorschaubild zu einem Link
bei Facebook und ein Bild in Pinterest sich nur in der Größe und in der
Erscheinung als Link unterscheiden.
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| Link bei Facebook: Headline, Textbeginn, Vorschaubild |
Beide kopieren nicht das jeweilige Bild auf ihre Server, sondern ziehen es von seinem Ursprungsort. Bei einem
Facebook-Link ist es allerdings so, dass dieser eindeutig als solcher
gekennzeichnet ist. Der Sinn und Zweck der Vorschau ist es, dem Nutzer mehr Entscheidungshilfe
zu geben, ob es sich lohnt, auf den Link zu klicken oder nicht. Bei Pinterest
wird die Verlinkungsfunktion zwar – allen Statistiken nach – stark genutzt,
aber das Bild, das da verwendet wird, erscheint zunächst als eigenständiger Inhalt. Der
Link-Charakter ist nicht sofort ersichtlich, wenn man ein ganzes Board
betrachtet: Dieses ist bei Pinterest in sich als Medieninhalt konsumierbar, ein
Facebook-Link bringt eine Headline und einen Vorschautext mit, ist aber in sich
in der Regel nicht erschöpfend. Aber der Vergleich der Bilder zeigt: so
unterschiedlich, wie man denken könnte, sind die Verfahrensweisen nicht.
 |
| Link bei Pinterest: Quellenangabe, Bild (verlinkt) |
Ich erwarte nur wenige Pinterest-Skandale, weil die
überwiegende Mehrheit der Webseiten daran interessiert ist, Traffic zu
erhalten. Und wenn der Weg dazu „pinnen“ bedeutet, dann sei es so - als Shop-Betreiber oder Webseite, die Werbung
vermarktet, würde ich jedenfalls nicht klagen. Aber grundsätzlich wirft Pinterest
die spannende Frage auf, wie wir eigentlich eine „Vorschau“ definieren, was (unter diesen technischen Bedingungen) ein
Zitat ist und wann eine Reproduktion oder Kopie von Inhalten gegeben ist.
Insbesondere zum Beispiel, wenn man etwas „re-pinnt“ und auch gar nicht selbst
aufgestöbert hat. Und wie ist es, wenn ich in Deutschland auf einer
US-amerikanischen Plattform den Inhalt von einer russischen Webseite pinne? Und
wenn das illegal wäre, wer soll die bereits jetzt Abermillionen von Fällen
verfolgen und verhandeln?
Die Technik und das Nutzerverhalten überrunden wieder einmal
die Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich Nutzer und kommerzielle Anbieter
bewegen. Meine Prognose ist die, dass hier interessengesteuert verfahren wird.
Anders als bei Raubkopien von Musik, wo die Fronten klar gezogen sind, haben
viele derer, die Urheberrechte an gepinnten Inhalten besitzen, durchaus ein
Interesse, dass diese auch gepinnt werden. Das ist auch der Grund, warum man Dienste
wie Pinterest auf dem Radar haben müssen wird. Egal, wie hübsch sich „Boards“
ansehen oder wie viel Spaß es macht, die Seite zu nutzen: Letztlich ist der
Dienst, wie an vielen Stellen auch Facebook, ein gigantischer Traffic-Hub. Und
wer in dem Business, Traffic zu verteilen, erfolgreich ist, also Nutzern
letztlich Zugang zu relevanten Webseiten und damit Informationen, Produkten und
Dienstleistungen bietet, der wird auch wirtschaftlich erfolgreich sein.
http://www.ewanetwork.de
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