Technology is our friend: Das Pinterest-Ding: Wo hört ein Link auf - und wo fängt "Sharing" an?
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March 5, 2012

Das Pinterest-Ding: Wo hört ein Link auf - und wo fängt "Sharing" an?


Seit einigen Wochen überschlagen sich die US-amerikanischen und in der Folge auch europäischen Blogs und Tech-Medien bezüglich Pinterest: Es ist ohne Zweifel DER Newcomer unter den sozialen Plattformen in 2012 bisher. Eine Beschreibung des Dienstes findet man an ganz vielen Stellen im Web, daher für alle, die es sich noch nicht selbst angesehen haben, nur in aller gebotenen Kürze: Pinterest erlaubt es, „Boards“ anzulegen, also einzelne Webseiten innerhalb Pinterest.com, auf denen man Web-Fundstücke in Form von Bildern, die irgendwo im Internet gefunden wurden, ablegen kann. Dabei muss man nicht aktiv das Bild kopieren, speichern und irgendwo einfügen sowie eine Quellenangabe beigeben, sondern mit dem sogenannten „Bookmarklet“ reichen zwei Klicks, um diesen Vorgang zu vollziehen. Diese Mechanik via Bookmarklet ist nicht neu: Mein eigener Posterous-"Blog", auf dem ich im wesentlichen Infografiken samt Ursprungsquelle sammle, funktioniert auf exakt diese Weise.
Bei Pinterest entstehen nicht Einzelblogs, sondern thematische Sammlungen als "Boards", etwa „schöne Frauenfotos“ oder „Produkte, die ich haben will“, und wer auf ein Bild in einem solchen Board klickt, landet automatisch in der Quelle, wo das Bild veröffentlicht wurde. Man kann einzelnen Boards „folgen“, ähnlich wie man Personen bei Twitter folgen kann, Bilder ähnlich wie in Facebook „liken“ und ähnlich wie in Tumblr re-posten in einem eigenen Board. Auf diese Weise erlangen diese Web-Fundstücke eine zusätzliche Verbreitung, und diese führt zu Traffic auf der Ursprungsseite des jeweiligen Bildes: Der Grund, warum Pinterest in aller Munde ist, liegt darin, dass es extrem erfolgreich in einem Geschäft ist, in dem Google und Facebook dominieren: Der Zuführung von Traffic auf Webseiten.

Wir haben es also mit einer Mischform aus Social Bookmarking und Social Network zu tun. Als Nutzer kann ich extrem einfach Dinge sammeln und veröffentlichen, und als Unternehmen kann ich, ähnlich wie mit „Like“, mit einem „Pin-it-Button“ versuchen, mehr Öffentlichkeit für meine Inhalte zu erlangen, also Traffic auf meine Seite zu ziehen.
Die entscheidende Frage bei Pinterest ist aber genau die Gewichtung zwischen Social Network und Bookmarking-Dienst: Wo fängt eigentlich „Sharing“ an und wo hört eine Verlinkung auf? Wenn ich, sagen wir mal als Fotograf, ein Bild veröffentliche, und mir wünsche, dass meine Webseite die einzige im ganzen Web wäre, auf der es bestaunt werden kann – darf das Bild dann jemand „pinnen“? Darf es zum Beispiel als Vorschau eines Links im Facebook-Newsfeed auftauchen? Macht sich jemand strafbar, wenn er wahllos Inhalte „pinnt“? Ich bin kein Anwalt und will mich gar nicht erst darin versuchen, hier eine juristische Einordnung vorzunehmen. Gefühlt ist es so, dass ein Vorschaubild zu einem Link bei Facebook und ein Bild in Pinterest sich nur in der Größe und in der Erscheinung als Link unterscheiden. 
Link bei Facebook: Headline, Textbeginn, Vorschaubild

Beide kopieren nicht das jeweilige Bild auf ihre Server, sondern ziehen es von seinem Ursprungsort. Bei einem Facebook-Link ist es allerdings so, dass dieser eindeutig als solcher gekennzeichnet ist. Der Sinn und Zweck der Vorschau ist es, dem Nutzer mehr Entscheidungshilfe zu geben, ob es sich lohnt, auf den Link zu klicken oder nicht. Bei Pinterest wird die Verlinkungsfunktion zwar – allen Statistiken nach – stark genutzt, aber das Bild, das da verwendet wird, erscheint zunächst als eigenständiger Inhalt. Der Link-Charakter ist nicht sofort ersichtlich, wenn man ein ganzes Board betrachtet: Dieses ist bei Pinterest in sich als Medieninhalt konsumierbar, ein Facebook-Link bringt eine Headline und einen Vorschautext mit, ist aber in sich in der Regel nicht erschöpfend. Aber der Vergleich der Bilder zeigt: so unterschiedlich, wie man denken könnte, sind die Verfahrensweisen nicht.
Link bei Pinterest: Quellenangabe, Bild (verlinkt)
Die Frage ist komplex. Pinterest bietet neuerdings Webseiten die Möglichkeit, das „Pinnen“ zu unterbinden und belegt damit quasi selbst, dass man sich in einem sehr grauen Bereich bewegt, was die rechtlichen Rahmenbedingungen angeht. Denn die Haltung „Wenn du nicht willst, dass ich Deinen Garten umgrabe, kannst du ja einen Zaun bauen“ ist natürlich ebenfalls eine fragwürdige.
Ich erwarte nur wenige Pinterest-Skandale, weil die überwiegende Mehrheit der Webseiten daran interessiert ist, Traffic zu erhalten. Und wenn der Weg dazu „pinnen“ bedeutet, dann sei es so - als Shop-Betreiber oder Webseite, die Werbung vermarktet, würde ich jedenfalls nicht klagen. Aber grundsätzlich wirft Pinterest die spannende Frage auf, wie wir eigentlich eine „Vorschau“ definieren, was (unter diesen technischen Bedingungen) ein Zitat ist und wann eine Reproduktion oder Kopie von Inhalten gegeben ist. Insbesondere zum Beispiel, wenn man etwas „re-pinnt“ und auch gar nicht selbst aufgestöbert hat. Und wie ist es, wenn ich in Deutschland auf einer US-amerikanischen Plattform den Inhalt von einer russischen Webseite pinne? Und wenn das illegal wäre, wer soll die bereits jetzt Abermillionen von Fällen verfolgen und verhandeln?

Die Technik und das Nutzerverhalten überrunden wieder einmal die Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich Nutzer und kommerzielle Anbieter bewegen. Meine Prognose ist die, dass hier interessengesteuert verfahren wird. Anders als bei Raubkopien von Musik, wo die Fronten klar gezogen sind, haben viele derer, die Urheberrechte an gepinnten Inhalten besitzen, durchaus ein Interesse, dass diese auch gepinnt werden. Das ist auch der Grund, warum man Dienste wie Pinterest auf dem Radar haben müssen wird. Egal, wie hübsch sich „Boards“ ansehen oder wie viel Spaß es macht, die Seite zu nutzen: Letztlich ist der Dienst, wie an vielen Stellen auch Facebook, ein gigantischer Traffic-Hub. Und wer in dem Business, Traffic zu verteilen, erfolgreich ist, also Nutzern letztlich Zugang zu relevanten Webseiten und damit Informationen, Produkten und Dienstleistungen bietet, der wird auch wirtschaftlich erfolgreich sein.