Ich habe ein ernstzunehmendes Zeitbudget in den letzten
Jahren damit verbracht, Menschen zu erklären, was Facebook ist, warum es toll
ist und warum sie unbedingt dabei sein müssen – sowohl privat als auch (mehrheitlich)
beruflich. Beides habe ich mit Überzeugung getan, weil es eine Zeit gab, in der
Facebook für den Privatanwender extremst nützlich und unterhaltsam und für
Unternehmen ein Marketing-Schlaraffenland war.
Fangen wir mit den Unternehmen an: Der Aufwand, jemanden zu einem Facebook-Like
einer Fanpage zu bewegen, war im Vergleich zu den Kosten für einen
Newsletter-Subscriber oder gar eine umfassendere Registrierung fast
vernachlässigbar. Dafür konntest Du die Leute dann in einer Frequenz erreichen, die mit Newslettern oder Homepage-Updates einfach nicht einmal
denkbar war. Wann immer es etwas Spannendes zu berichten oder auch nur zu
erwähnen gab, konntest Du als Unternehmen einen Post raushauen, ohne besonderen
Kontaktanlass – völlig ungewohnt auch für das digitale Marketing. Wenn jemand
auf deine Wall schrieb, musstest Du reagieren, weil das für jeden sichtbar war
(außer, man hatte das anders eingestellt – aber das taten nur die, die ohnehin
Angst vor ihren Kunden hatten). Der Ansatz eines Dialoges entstand. Man konnte
als Unternehmen jederzeit den Finger ins Wasser stecken, etwas posten und bekam
in Echtzeit Reaktionen zurück. Man konnte nachvollziehen, was die Zielgruppen
spannend und was sie unspannend fanden, und die Seitenstatistiken gaben ganz
guten Aufschluss darüber, mit wem man es auf der eigenen Fanpage zu tun hatte.
Verglichen mit allen anderen Formen des digitalen Marketings waren Kosten und
Nutzen hier einfach in einem wunderbar positiven Verhältnis.
Auch privat machte Facebook einfach nur Spaß. Jeden Tag,
also wörtlich jeden (!) Tag, gab es in meinem Newsfeed mindestens einen, meistens mehrere tolle,
inspirierende, aufregende Beiträge. Irgendwer hatte in irgendwelchen Untiefen
des Internets, an die ich selbst nicht einmal im Traum zu denken gewagt hätte,
irgendetwas Spannendes, Lustiges oder sonstwie Bemerkenswertes entdeckt, und ohne,
dass ich etwas tun musste, kam dieses wie von Zauberhand in meinen Newsfeed gewandert. Ich konnte und wollte
mich nicht durch Abermillionen langweilige Tumblr-Blogs oder Youtube-Videos wühlen,
bis etwas Großartiges dabei war – das war aber auch nicht nötig, denn mit
Facebooks Hilfe übernahmen meine Freunde das für mich. Und wenn ich aufgrund
irgendeines Zufalls irgendwo im Internet auf etwas wirklich Bemerkenswertes
stieß, fühlte ich mich im Gegenzug fast verpflichtet, das auch auf Facebook zu
posten. Ganz nebenbei bekam man noch mit, wessen Kind welche Tapete angemalt
und wer unter welcher Palme gelegen hatte – viel mehr kann man (auch heute) von
einem Social Network kaum verlangen. Meine Begeisterung begann allerdings so gegen Mitte
2010 zu schwinden. Im Mai postete ich einen Artikel vom
„Too Many friends-Problem“,
gemeinsam mit diesem
Bildchen hier

Nicht, dass Facebook das Problem nicht kannte. Einzig die
Lösung stellt sich in meinen Augen als eher kontraproduktiv heraus: Der Edge Rank,
den ich mittlerweile irgendwo zwischen Pest und Cholera einordnen würde. Der
Edge Rank würde nämlich in Zukunft bestimmen, was ich bei Facebook zu sehen
bekommen würde, weil zu viele Leute mit zu vielen Freunden und mit zu vielen Posts
unterwegs waren, und obendrein zu viele Marken mit zu vielen Fans bei Facebook
kommunizieren wollten.
Der Edge Rank folgt dabei einer Philosophie, die man Facebook nur schwer übel
nehmen kann: Wer von einem a) extrem dummen und b) exorbitant faulen User
ausgeht, macht im Internet häufig sehr vieles richtig. Bei Facebook geht diese
Philosophie allerdings zu weit: Das ständige Launchen von irgendwelchem
Quatsch, aus dem ich mich dank Einstellungen wieder herausfummeln muss, anstatt
Dinge anzubieten, in die ich mich hineinwählen kann, unterliegt der selben gedanklichen
Herangehensweise (
einen sehr guten externen Eindruck kann man sich übrigens mit dieser netten Anwendung verschaffen). Das mittlerweile zur Spamfabrik verkommene „Frictionless
Sharing“ kommt ebenfalls aus der Gedankenwelt, in der faule und dumme User mehr Spotify-Musik
und mehr „Nackte Sekretärin von Überwachungskamera gefilmt“-Videos teilen als
andere. Es gibt unzählige Beispiele dafür, dass Facebook der Annahme folgt,
dass es den Wert der Plattform erhöhen würde, je mehr Entscheidungen es dem User abnimmt.
In der Summe führt das alles dazu, dass mein Newsfeed und
damit die ganze Plattform unspannender wird. Der Edge Rank bringt es nicht. Es
gibt Menschen, die mir nahe stehen, die ich „offline“ sehe, und die deshalb,
weil ich nicht alles „like“, aus meinem Newsfeed fast verschwinden. Dafür kann
ich dann eine Extra-Liste anlegen. Wie bei den ganzen Neuerungen, die standardmäßig erst einmal scharf geschaltet werden, entsteht mir als User auch
hier wieder Mehraufwand, um das zu korrigieren, was Facebook für mich
entscheidet, um mir Aufwand abzunehmen. Absurd? Ja. Nervt? Oh ja.
Es gibt Unternehmen, deren Updates mich normalerweise kaum interessieren. Aber wenn mein
Handy-Hersteller das nächste Update für Android JellyBean ankündigt oder den
endgültigen Deutschland-Marktstart des neuen Flagschiff-Smartphones raushaut, hätte ich das
gern im Newsfeed. Hab ich aber nicht . Auch hier kann ich neuerdings Listen
anlegen – wieder muss ich händisch die verhunzte automatische Entscheidung
korrigieren, und am Ende habe ich wahrscheinlich ein schlechteres Ergebnis, als
wenn man die automatische Entscheidung einfach ganz wegließe. Dafür kriege ich aber
Notifications, wenn irgendein Typ, den ich gut finde, morgen in Florenz oder
Sydney Platten auflegt, und obendrein jedes Mal eine weitere Benachrichtigung,
wenn einer von 5.000 eingeladenen Leuten auf der Eventpage „Super, aber ich
kann nicht kommen“ postet. Unternehmen posten nicht mehr wirklich relevantes, sondern nur noch Zeug, das den Edge Rank überlisten soll -
"Like wenn ihr auch findet, dass Regen doof ist, Teilen für mehr Sommer". Facebook lässt ihnen aber auch kaum eine Wahl. Das ist eine
Filter Bubble, aber in meinen Augen keine politische – es ist einfach der
Philosophie geschuldet, dass Ingenieurstools bessere Entscheidungen als User treffen
(oft genug, weil User (=faul) Entscheidungen gar nicht treffen).
Auch für Unternehmen macht es deutlich weniger Spaß als
früher - Facebook schraubt die Reichweite Deiner Posts auf zuverlässig unter
20% runter. Du kannst jetzt zusätzliche Reichweite kaufen, ohne allerdings
irgendeine Ahnung zu haben, wie genau das funktioniert. Dazu werden gefühlt alle
7 Tage 8 neue Funktionen rausgeballert, die Du mit irgendwelchen Fake-Fanpages
erst einmal austesten musst, bevor Du sie den 20% Deines Massenpublikums
zumuten kannst. Dafür wird dann Zeug
abgeschaltet, in das Du gestern noch einen Haufen Geld investiert hast. Das
Marketing-Eldorado von früher ist Facebook schon lange nicht mehr. Kosten und Nutzen mögen
im Vergleich zu anderen Kommunikationsformen immer noch in einem sehr guten
Verhältnis zueinander stehen, und es gibt durchaus noch
sehr gute Gründe, warum man als Unternehmen weiter dort aktiv sein sollte. Nur
für Begeisterung ist kein Platz mehr. Wenn auf einer Party erst einmal eine Milliarde
Menschen sind, ist das Freibier eben schnell alle. Ob nun der Börsengang schuld
ist, der für neue Sales Teams sorgt, die im Jahr halt hier eine Milliarde und dort
noch mal zwei Milliarden abliefern müssen, ist mir sowohl beruflich als auch
privat ziemlich egal (obwohl mich dieses „Sales-First-Ding“ schon stark an
MySpace erinnert). Und die Königslösung habe ich auch nicht – Facebooks
Usability ist ohnehin schon mehr etwas für
Astronauten denn für Normal-User (es fällt uns nur nicht auf, wie komplex der Kram ist, weil wir all die
Neuerungen seit Jahren Stück für Stück reingedrückt kriegen). Je mehr ich selbst
einstellen kann, desto schlimmer würde das mit dem Interface wohl werden. Aber wenn
Facebook in ein paar Jahren überrundet wird, dann nicht von einem Netzwerk, das
noch mehr, noch komplexere, noch geilomatischere Algorhythmen benutzt, sondern
von etwas, das es ermöglicht, dem Nutzer und Anwender mehr Kontrolle zu geben.
Selbst wenn das zu Lasten von Funktionen geht (weshalb ich immer noch glaube,
dass
der G+ Ansatz in sich nicht ganz der Richtige ist).
Es war offensichtlich schon nicht ganz doof von Facebook,
Instagram zu kaufen – eine Plattform, bei der viel weniger Funktionen ganz oft
viel mehr bedeuten.
PS:
App.net ist in diesem Zusammenhang übrigens ein sehr spannender
Ansatz. Ich melde mich da nur (noch) nicht an, weil ich fürchte, das erste Jahr
mit weniger als 5 Freunden dort zu
verbringen und dann auf ewig in der Abofalle zu stecken (ich bin so ein fauler
User, wenn es um Banking geht). Die Crux der kritischen Masse, die Facebook noch einige Jahre ganz vorne halten wird.
No comments:
Post a Comment