Technology is our friend: Merkel and the missing Adjektiv
Back To Normal

June 23, 2013

Merkel and the missing Adjektiv


Jeder, der sich viel im Netz herumtreibt, kennt diesen Ausschnitt:



Hohn und Spott sind ja Untertreibungen für das, was die Reaktion aus der (angeblich existenten) "Netzgemeinde" dominierte. Die Konter-Reaktion ließ dann auch nicht lange auf sich warten. Die Bild, die sich in Fach- und Verlagskreisen ja gern als oberster Internetversteher gibt (und das im Industrievergleich an einigen Stellen ja nicht einmal unbedingt zu Unrecht) und den chefmäßigsten Business-Hacker-Nerd Deutschlands in ihren Reihen weiß, spricht von einer "Koalition der Häme": "Rund ein Viertel der Deutschen ist nicht online, meist die Generation 60 plus. Für sie ist „Neuland“ nicht neu, sondern unerreichbar fern. Und die anderen 75 Prozent surfen und mailen meist nur, eine App nutzt bloß jeder Zehnte – einmal pro Woche. Das ist der nüchterne Neuland-Befund. Die ganzen Möglichkeiten von Web 2.0 nutzt eine Minderheit, die sich jetzt überheblich zum Twitter-Gewitter erhebt."


Falscher kann die Diagnose natürlich nicht sein, sonst würde ja eben jene Bild nicht Paywalls basteln, Web-Sportschau-Rechte kaufen, Smart TV Apps launchen, das iPad seinerzeit als Heilsbringer gepriesen haben, einen Medien-Campus und einen neuen, hypermodernen Newsroom bauen.
Wie so häufig beim Thema "Digitale Gesellschaft" reden da wieder einmal zwei aneinander vorbei, die verkürzt und unpassend als Pole "Interntausdrucker" versus "Netzgemeinde" beschrieben werden. Meine Deutung der Ereignisse ist diese:
Die Menschen, die sich dort über Merkel lustig machen, meinen gar nicht sie selbst. Es gibt (subjektive Meinung) tonnenweise Gründe, Merkel individuell und persönlich zu kritisieren. Dieser Satz Merkels steht ikonisch für die Wahrnehmung einer Politik, die (mittlerweile kaum noch in Reden, aber immernoch in Handlungen) so tut, als sei "das Internet" irgendein Ding, das parallel am "wahren Leben" vorbeizöge, eventuell auch wieder vorüberginge, und das mit einer eigenen (Gratis-, Anonymitäts-, Protest-, sonstwas-)Kultur die eigentliche, wahre, echte Kultur und Wirtschaft eines Landes unterliefe. Es geht um eine Politik, die so tut, als ginge es bei "Netzneutralität" darum, wieviele Spielfilme wir von irgendwem pro Monat streamen könnten - und damit so falsch liegt, wie es falscher kaum geht. Wir haben also keine Wahl. Finde ich persönlich, denn wenn ich das Programm der Piraten lese, könnten sie eine Wahl sein, wenn ich hingegen ihre Tweets lese, gibt sich das dann auch wieder (geklaut hier). Diese Wahllosigkeit, das Gefühl, von Politik in puncto "digitaler Gesellschaft" nicht "nicht, sondern schlechtenst" vertreten zu sein, dieses Gefühl ergießt sich in Häme. Und Spott. Und Hohn. Schön, wenn das nicht einem karikaturesk unbedeutenden Hinterbänkler über die Lippen kommt, sondern der Chefin von dat Ganze - so wird es eben ikonisch.


Auf der anderen Seite wissen wir doch, dass Merkel das so nicht gemeint hat. Sie hat (albern durchgeplante, alle Netzlogiken ignorierende, aber immerhin) Podcasts, hat einen Google Hangout gemacht, ihr Sprecher twittert vernünftig (Meinung; Aber darum kann es ja nicht gehen. Ich will ja keine Hangouts, ich will ja intelligente Netzpolitik). Was ihr fehlte, war ein Adjektiv. "permanentes" zum Beispiel. Jeder, der sich viel mit dem Internet beschäftigt, lernt ständig hinzu. Ich muss hier nicht die Charts der 10 populärsten Websites 2001, 2006, 2010, 2013 aufmalen. Oder der populärsten Apps 2010 und 2013. Natürlich ist das Internet Neuland. Permanentes. Ständiges. Immer im Wandel. Kaum haben wir Smartphones als mobile Geräte begriffen, werden Touchgeräte stationär und lösen das Desktop-Web ab. Kaum haben wir Touchgeräte begriffen, wird uns "wearable computing" um die Ohren fliegen. Kaum reden wir von "Big Data" und dem "Internet of Things" auf jeder Konferenz, überholen uns irgendwelche neuen Sachen von rechts. Das ist normal und unendlich spannend und fordert uns ständig. So etwas ähnliches wollte sie sicher sagen, wenn man den Satz nach "Neuland" mitnimmt, der glücklicherweise in dem Videoschnipsel noch dranhängt. Mit ein bisschen Demut vor der Sache, die völlig #PRISM-aufgeheizte Gemüter gerne gesehen hätten, und der inhaltlichen Äußerung "Der Fucker Internet ändert sich so goddamn schnell, wir kömmen gesetzmässig da nicht im Ansatz hinterher, müssen aber den Gesetzlosen auf den Fersen bleiben" hätte es sicher keine Häme gegeben. Ich weiss auch nicht, ob sie es wirklich so gemeint hat oder einfach nur eine Art Entschuldigung, de-eskalationsmäßig und als kleines Gastgeschenk, für die totale Überwachung durch ihren nicht ganz unbedeutenden Staatsgast loswerden wollte. Ziemlich sicher ist aber, dass sie nicht äußern wollte, dass wir doch alle nicht verstünden, was da vor sich geht, weil wir gestern das erste mal einen Browser bedient hätten.

Am Ende ist es vielleicht ein einziges, blödes Adjektiv, das uns auf dem Weg zu einer Gesellschaft, die mit der digitalen Transformation irgendwie besonders gut klarkommt, wieder einmal ein Stück zurückgeworfen hat. Nicht inhaltlich, da sind wir (Meinung) sowieso derzeit ziemlich abgeschlagen. Sondern moralisch. Stimmungsmäßig. Sixt und die Piraten basteln lustige Plakate, und ansonsten fühlen sich die "Netzgemeinde" (also die 3 Millionen Twitter Unique User minus die nicht engagierten = 100.000 Irre), an die ich nicht glaube, und die Internet-Ausdrucker, an die ich auch nicht glaube, wieder in ihrer gegenseitigen Ab- und Ausgrenzung und vor allem auch Abneigung bestätigt. Schade. Denn bei "Netzpolitik" oder dem Weg in eine "digitale Gesellschaft" geht es ja nicht darum, nicht "Hashtake" zu sagen oder Check-Ins anzuhäufen, sondern um Vernunft. Politische, soziale, gesellschaftliche und wirtschaftliche. Daran haben ganz viele von uns ein Interesse, sogar die ohne APN-via-IFTTT-over-Instagram-Twitter-integrierte Accounts.