Technology is our friend: Facebook Zahlen für Deutschland belegen den dramatischen mobile Shift auch hierzulande
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September 16, 2013

Facebook Zahlen für Deutschland belegen den dramatischen mobile Shift auch hierzulande

Ich gebe zu: Ich wiederhole mich. Als sich vor einem Jahr deutlich abzeichnete, dass ein "mobile shift" im Gange ist, hörte man an vielen Stellen das Lied, das ganz häufig bei Technologie-Adaption in Hardware und Diensten gesungen wird: "Das machen nur die Kids" als Refrain, und als Strophen Variationen von "Das ist ganz schlecht kapitalisiert" und "Mal abwarten, ob das ein nachhaltiger Trend ist". Der Song ist ein Evergreen und nicht immer ganz unberechtigt - Heerscharen von hysterischen Web-Menschen rufen bei fast allem, was ein bisschen schneller wächst als der Markt, die nächste Revolution und Version 3.0 oder 4.0 aus, und es geht schon lange nicht mehr darum, einen Trend nicht zu verpassen, sondern diejenigen zu erkennen, die strukturelle, bleibende Veränderungen bewirken. Der "mobile Shift" ist so einer und wenn es noch eines letzten Beweises bedurfte, dann hat Facebook diesen für Deutschland gerade erbracht.


Zunächst mal, und ich habe die Erfahrung gemacht, dass man das wirklich immer betonen muss, bedeutet "mobil" nicht zwingend "in Bewegung". "Mobil" bezeichnet in diesem Sprachgebrauch nichts anderes als die Verwendung potenziell mobiler Geräte, also in den allermeisten Fällen Smartphones und Tablets. Es wäre interessant zu sehen, wie hoch der Anteil der WLAN-Verbindungen bei den mobilen Aufrufen von Facebook ist, aber man kann getrost davon ausgehen, dass ein signifikanter Teil "mobiler Internetnutzung" aus dem heimischen oder Arbeitsplatz-WLAN erfolgt: In einer globalen Google/Nielsen-Studie aus dem März 2013 wurde veröffentlicht, dass nur 17% der mobilen Suchanfragen bei Google "on the go" passieren, und riesige 77% aus dem heimischen oder Arbeitsplatz-WLAN erfolgen. Wir müssen also davon ausgehen, dass wir es mit einer teilweisen Verdrängung von Nutzungsminuten am Schreibtisch - Laptop oder Desktop-PC - hin zur "mobilen Nutzung" zu tun haben, die besser "Touchscreen-Nutzung" genannt würde, weil sie eben nicht in der Mehrzahl im Bus oder im Park passiert, sondern überwiegend auf dem Sofa, dem Sessel, der Badewanne oder Bett stattfindet.
Facebook schaut neben Umsätzen im wesentlichen auf zwei Kennzahlen: monthly active users (MAU) und daily active users (DAU). In Deutschland nutzen 65% aller Smartphone Besitzer, 18 Millionen Menschen, Facebook mindestens einmal pro Monat per Smartphone - 13 Millionen von diesen tun das allerdings täglich.

Mir ist kein Angebot in Deutschland bekannt, dass auch nur annähernd auf diese Reichweite kommt. Aber mal abgesehen von der unglaublichen Facebook-Erfolgsstory: Was bedeutet das?

Der "Shift to mobile" findet auch in Deutschland massiv statt. Und falls sich jemand über Lebkuchen im Supermarkt wundert: Es sind noch weniger als 100 Tage bis Weihnachten, wo wieder eine Schwemme von Smartphones und Tablets unter die Weihnachtsbäume kommt, die diesen Trend weiter beschleunigen wird (ganz abgesehen von neuen iPhones, die wiederum Millionen mal verkauft werden und eine Flut gebrauchter iPhones in den Markt spülen werden undsoweiter). Bedeutet das für online Auftritte dasselbe wie zuvor, nur dann vielleicht in einem anderen Container, also zum Beispiel in einer "Responsive Design"-Webseite? Natürlich nicht. Es fehlen noch grundlegende Studien, aber die wenigen, die es gibt, deuten auf eine deutlich massivere Nutzung von Apps vs. Browser auf Touchscreen-Geräten hin. Im Fall von Facebook vermute ich, dass die mobile Nutzung derart von den jeweiligen Apps dominiert ist, dass ein Ausweisen der "mobilen" (also Touchscreen) Browser-Nutzung sich gar nicht lohnt. Wenn ich mein Publikum in Zukunft noch erreichen oder gar erweitern will: Habe ich eine mobile App, optimiert für mindestens iOS und die Heerscharen von Android-Geräten, und unabhängig davon: Wie sind meine Chancen, dass diese App a) häufig installiert und b) auch regelmäßig genutzt wird? Ein signifikanter Anteil von Apps stirbt den "Installationstod": Runtergeladen und in ihrer Lebenszeit weniger als 3 Mal geöffnet. Wenn es mir also unabhängig nicht gelingt, mein Publikum mit einer App zu erreichen, kann ich dann mein "mobiles" Publikum über die top-genutzten Apps ansprechen, also Facebook und mit Abstrichen Twitter? Brauche ich da eine starke eigene Präsenz oder will ich Kampagnen-artig Werbung dort schalten? Oder beides? Wie hoch ist der Anteil von Google an meinem "mobile"-Traffic, wenn ein signifikanter Teil der Menschen seine Internet-Sessions nicht mehr im Browser / Google-Search-Fenster, sondern in Apps beginnt? Muss ich, egal ob ich Amazon, Zalando oder die Neue Westfälische aus Bielefeld bin, in Zukunft "Mobile First" entwickeln? Können meine Entwickler das? Und abseits dieser eher Marketing-technischen Fragen stellen sich obendrein noch inhaltliche: Wird Content auf Touchscreen-Geräten genauso rezipiert, wie das bei Desktop-/Laptop-Browsern der Fall ist? Sind Instagram mit 150 Millionen Nutzern oder Shops wie Fab.com mit über 1/3 Sales auf mobilen Geräten nicht auch Beweis für ein visuelleres Web, das wir auf Touchscreens erleben? Kann mein Marketing, ausgestattet mit 4 Bildmotiven aus dem letzten Halbjahres-Shooting, hochfrequent visuell kommunizieren?

Schluss mit den rhetorischen Fragen. Der "mobile Shift" ist in Wirklichkeit ein "Touchscreen-Shift" und dieser hat Auswirkungen auf fast alle Bereiche des digitalen Marketings. Traffic-Beschaffung, Inhalte-Vermittlung und Conversion werden nicht immer vollkommen neuen Logiken gehorchen, aber mit Sicherheit anderen Mechanismen folgen, als wir sie derzeit aus dem Web kennen. Die Zahlen, die Facebook heute für Deutschland veröffentlicht hat, zeigen auf, dass sich die Konsumenten auch in Deutschland auf Touchscreen-Geräte bewegen. Und wie immer, wenn Konsumenten sich massenhaft bewegen, gibt es etwas zu verlieren und zu gewinnen. Mit dem Song über die Kids, die die einzigen Touchscreen-Nutzer sein sollen, aufzuhören - das ist schon einmal ein Anfang.