Technology is our friend: Teufelszeug E-Commerce
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December 9, 2013

Teufelszeug E-Commerce

Zum Glück komme ich erst jetzt dazu, mich über Jauch von gestern auszulassen. Falls sich jemand mal eine Stunde Face-Palmen will: Hier ist der Mediathek-Link. Alleine der Titel sagt schon, dass man die Sendung meiden sollte, aber ich bin durch - inzwischen noch maximal einmal wöchentliches - zappen dort hineingeraten: "Weihnachten mit Amazon und Co - Wer leidet unter unserem Bestell-Wahn?"

Der Titel setzt die Existenz eines Wahns voraus. Laut Wikipedia ein Krankheitssymptom aus der Psychiatrie: "Der Wahn ist eine die Lebensführung behindernde Überzeugung, an welcher der Patient trotz der Unvereinbarkeit mit der objektiv nachprüfbaren Realität unbeirrt festhält." Wer sich E-Commerce auf diese Weise nähern will, kann es machen - aber dann ist es halt scheiße. Und so war es dann auch.



Es macht überhaupt keinen Sinn, die unsäglichen Argumente zusammenzutragen, die dort ausgetauscht wurden. Es macht aber schon Sinn, sich zu fragen, wie man auf diese Ideen für immer neue Unsäglichkeiten kommt. Es ist immer noch furchtbar leicht, "das Internet", "das Smartphone" (vgl. mal das hier) oder "das neue Zeugs" für das verantwortlich zu machen, was wir mit ihm anstellen. Amazon mache uns gierig und ungeduldig, sagen sie, vergessen aber, dass "Geiz ist geil" von einem Unternehmen erfunden wurde, das im E-Commerce mehr oder weniger ein "Wenn-es-sich-nicht-vermeiden-lässt-machen-wir-mit"-Nachzügler ist. Im Land der Aldis und Lidls ist das Internet schuld, wenn Konsumenten sich - in bester 90er Rhethorik - "per Mausklick" für das Angebot entscheiden, das noch einen Euro günstiger ist. Diese verteufelte moderne Technik führt laut Jauch-Runde dazu, dass Paketboten unter teilweise schwierigsten Bedingungen arbeiten müssen (was aber auch Zeitungen wie die Süddeutsche nicht davon abhält, über jene zu wettern). Wir akzeptieren Kinderarbeit in Bangladesh für eine billige Jeans, Selbstmordserien in den Fabriken, in denen unsere iPhones geschraubt werden, Eier aus schlimmsten Legebatterien, und und und... und das Schicksal der Paketboten wird von einer knallharten Business-Mentalität bestimmt, die uns das Internet quasi aufgezwungen hat?

Würde man die Ökobilanz und die Personen-Schäden des motorisierten Individualverkehrs - Auto und Motorrad - mal mit derselben Haltung untersuchen, wie es diese Experten hier beim "Bestell-Wahn" getan haben, könnten wir nur zu dem Schluss kommen, dass dieser absurde Quatsch, der "Motorisierungs- und Mobilitäts-Wahn", endlich ein Ende haben muss.

Ich habe selten unverhohlenere Veränderungsfeindlichkeit gesehen als in dieser Talkshow - und das Ende 2013. Ich habe gedacht, wir würden als Gesellschaft schon weiter sein. Anstatt darüber zu reden, wie man die Umstände einer digitalisierten Welt in den Griff bekommt (und damit ist nicht nur die Situation der Paketboten gemeint), wird grundsätzlich von einem "Wahn" ausgegangen, der schlimmste Folgen haben muss. Dabei ein Medium verantwortlich zu machen (statt Politik, Erziehung, Haltung, Medienkompetenz u.a.), das quasi unschuldige Menschen dazu verführt, Handlanger eines unmenschlichen Systems zu werden, ist derart albern, dass ich am liebsten 8 Wallraff-Bände und 7 Ranga-DVDs bei Amazon bestellen will, während ich gekrümmt und gebückt mit dem Smartphone, andere Menschen behindernd, durch die Straßen laufe, um die Ware dann ungesehen zu retournieren und mir die Inhalte dank meiner unsäglichen Umsonst-Mentalität auf einer Streaming-Tauschbörse illegal aber ungestraft herunterzuladen/-streamen und sie dann mit teuflischem Grinsen zu löschen. Mit dem Radiergummi fürs Internet und auf alle Ewigkeit.

Dass die Sendung außer ein paar Tweets nicht für ausufernde Internet-Häme gesorgt hat - es gibt meines Wissens nicht einmal einen Tumblr - kann man in zweierlei Hinsicht deuten: Entweder das TV wird schon lange nicht mehr als "Qualitätsjournalismus" und meinungsführend wahrgenommen, auch nicht mit Jauch und der ARD, oder die Gräben zwischen Veränderungs-Feinden (Menschen, die im Neuen lieber das Schlechte sehen und hoffen, es möge die "gute alte Zeit" wie durch ein Wunder zurückkehren) und Veränderungs-Freunden (Menschen, die Neues annehmen und versuchen, die Veränderung so zu gestalten, dass die "gute, alte Zeit" von einer "neuen, besseren Zeit" abgelöst wird) sind schon so groß, dass die einen die anderen mittlerweile weitestgehend ignorieren. Ich hoffe auf Ersteres.