Technology is our friend: Willkommen in der Zukunft – Internet im ICE
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January 25, 2014

Willkommen in der Zukunft – Internet im ICE

WLAN im Zug, brought to you by Telekom und Deutsche Bahn – wie future ist das denn? Eigentlich sollten wir das ja seit 2002 haben, aber gut: man hat sich daran gewöhnt, offline Arbeiten im Zug zu erledigen oder gar von Papier zu lesen.
Telekom und Deutsche Bahn – ich denke an Maut, Stuttgart 21, Flughafen Berlin, Elchtest, ADAC, an Industrie-Desaster und Fahrkarten-Automaten. Alles Versagen von Großkonzernen konnotiere ich mit diesen Namen. Zu Unrecht natürlich. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich weiß doch, wie schwer das ist.

Aber jetzt ist ja die Zukunft. Freitag nachmittag. Weit über drei Stunden Dortmund-Berlin im ICE liegen vor mir, und auf dieser Strecke sind die Digital Natives zu Hause. Das rollende Valley, die Startup-Schiene, das Oberholz im Siemens-Look: Eine Bahnstrecke mit Zug-WLAN. Zusammen mit einer Steckdose ist das ja quasi eine komplette Büro-Infrastruktur. „Der nächste Bill Gates gründet nicht in einer Garage, sondern auf einer Zugfahrt“, denke ich.

Um 14.48 Uhr geht es los. Einstieg, Platzwahl, Mantel aufhängen, Internet klarmachen. Problemlos finde ich das Netzwerk und nach Anwahl dessen öffnet sich ein Screen wie von Zauberhand. Als dieser auch nach mehreren Fingertips (iPad) auf „Jetzt ins Internet“ nicht reagieren will, komme ich auf die Idee, Screenshots zu machen. Es ist 14:55 Uhr. Unter der Domain 1st.railnet.train funktioniert zwar nichts, es sieht aber nach Internet im Zug aus. Dass das kleine Funksymbol neben "iPad" wieder fehlt, obwohl ich vor 2 Sekunden das Netzwerk angewählt hab, merke ich nicht. Ich bin optimistisch.


Zwei Minuten später reagiert die Seite doch. Ich lasse mir Preisinformationen anzeigen. Oder eben auch nicht – siehe Bild. Es ist 14:57 Uhr, und vielleicht ist die Seite unter hotspot.t-mobile.net nur noch nicht komplett geladen. Nach 2 Minuten Starren auf keine Preise klicke ich dennoch einfach auf „Zugang für 1 Tag“ – im Verlauf des Prozesses taucht der Preis ja sicher noch einmal irgendwo auf. „Sollte der Preis unverschämt sein, kann ich dann ja immer noch abbrechen“, denke ich alter Technologieoptimist noch naiv.


Es sind 4,95 Euro für einen Tag. Kommt mir viel vor, aber der Kaffee kostet hier 2,90 Euro. Ich gebe 3,50 Euro. Die Schaffner-Kellnerin freut sich. Da werde ich ja wohl noch einen Fünfer für die Erlaubnis entbehren können, fast 4 Stunden produktiv zu arbeiten. Ich wähle „Bezahlung über meinen Mobilfunk-Provider“.  Screenshotten muss ich nicht mehr, läuft ja alles glatt. Eplus will mir einen Code senden, den gebe ich dann angeblich hier ein und die 4,95 Euro gehen dann von meiner Mobilfunkrechnung ab – bequem. Es ist 15:01 Uhr. Es läuft.


Der Code kommt nicht. Zunächst. Als er dann eintrifft, angeblich abgesendet um 15:01 Uhr, gebe ich ihn fix ein. Schließlich steht da, dass die TAN (weiter oben „SMS Code“ genannt) nur 5 Min gültig ist. Nicht ab Eintreffen der SMS, sondern ab Generierung. Ich bin leider zu spät. Es ist 15:06 Uhr.


Ich versuche es noch einmal. Der zweite Code wird niemals kommen. Hab ja schon einen, aber der gilt ja nicht mehr.
Zurück im Prozess. Ich wähle nun Zahlung via Paypal, auch wenn ich den Laden eigentlich meiden wollte. Die Seite lädt seit 2 Minuten. Es ist 15:11 Uhr.


Magie! Die Seite hat geladen. Email-Adresse, Paypal-Kennwort, alles easy, bezahlt. Um 15:12 Uhr bin ich quasi online, die Älteren werden sich erinnern - Becker-Style, bin ich drin? - und ich so: Becker-Faust. Teuflisch verschlüsselte, NSA-artige Zugangsdaten, die ich sicherheitshalber screenshotte. Nicht, weil ich ein Desaster bloggen will, sondern weil ich die sicher noch einmal abtippen muss im Prozess. Oder ein paar mal öfter benötigen werde. Den Benutzernamen (ich, der Internetfuchs) kopiere ich in die Ablage. So kann ich in 2 Sekunden, zack, paste, den Benutzernamen eintragen, dann nur noch Passwort vom Screenshot abtippen und dann endlich arbeiten. Allein das Gefühl. „endlich arbeiten“. Eigentlich will ich mein Geld zurück. Auf der Stelle.


Es ist 15:14 Uhr. Seit 2 Minuten warte ich auf eine Login-Seite. Ich will ins gottverdammte Netz, verdammt nochmal. Unter der Domain cms-hotspot.telekom.de lädt nichts, auch wenn die Seitenüberschrift „Log In“ anderes verspricht. Kein Funk-Signal neben dem "iPad" da oben links. Die gesamte Seite ist weiß, bis auf den Balken da oben. Unschwer zu erkennen auf dem Bild, das picasa irgendwie grau färbt. Wenn ich hier nächstes Mal einen solchen Balken da oben zeige, denkt euch die weißgraue Rest-Seite bitte einfach dazu.


15:17 Uhr: Ich bin aus dem Netz geflogen. „Not connected“. Ist nicht schlimm, passiert in den besten Hotels. In denen ich jetzt allerdings auch schon seit 15 Minuten online gewesen wäre, und das mit 3 Geräten.


Immer noch 15:17 Uhr. „Hotspot login cannot open the page because it could not connect to the server“. Ich klicke „OK“, but „I’m pretty fucking far from OK“, wie Marcellus Wallace einst in Pulp Fiction sagte. Spannend ist die Domain, auf der ich nicht ok bin: appleiphonecell.com. Hä?


Ich versuche es noch einmal. Nach der alten Computerlogik „You resolved the problem by trying the same thing 356 times“ lasse ich mich von meinem Weg nicht abbringen. Das Funkzeichen ist da, weg, da, wieder weg. Um 15:19 Uhr bleibt der Screen weiß, aber die Domain lautet nun captive.apple.com. Captive? NSA oder was? Mir ist alles egal. Ich will ins Netz. Ich rüttele an seinen Toren wie dereinst Schröder am Kanzleramt.


15:20 Uhr. Genug. Nach ungefähr 25 Versuchen ohne erfolgreiches Laden einer Login Page mache ich, was jeder gute Anwender machen würde: Planlos grundlegende Einstellungen verändern. Ich stelle das HTTP Proxy im WLAN „Telekom ICE“ auf „Auto“ statt „Off“. Das wird es sein.



15:21 Uhr: Das ist es leider auch nicht. Die Login Seite lädt nicht. Dieses mal lädt sie nicht von thinkdifferent.us. Bizarr.


Mit dem Handy, das wenigstens nicht im Funkloch sein sollte, will ich mir thinkdifferent.us ansehen. Hier geht etwas nicht mit rechten Dingen zu. Die Amis sind hinter mir her und hacken sich gerade durch alles, was meine Devices hergeben. Gleich renne ich ins ICE Restaurant und baue mir einen Alu-Hut.


Ich kann nicht ins Restaurant gehen. Ich bin zu beschäftigt, mich ins Internet zu hacken. 15:22 Uhr. Appleiphonecell.com lädt den Log-In Screen zum ICE-WLAN nicht. In der Zwischenzeit waren wir in Hamm. Der Zug wurde mit einem anderen verbunden. Menschen sind ein- und ausgestiegen. Zum Glück hat mich keiner von meinem Platz vertrieben. Ich baue hier ja gerade mein Büro auf. Aber aufgrund eines „technischen Fehlers“ können die Reservierungen nicht angezeigt werden, und mein Platz ist "gegebenenfalls reserviert". Immerhin heißt es nicht mehr „weil die Diskette nicht eintraf“.


15:23 Uhr. Immer noch ein weißer Screen. Wie oft kann man eine Seite innerhalb einer Minute reloaden. 60 Mal? 100 Mal? Ich weiß es nicht. Oft genug. Das Ergebnis bleibt gleich. Die Login Seite lädt nicht. Mein kryptischer Benutzername liegt immer noch im Arbeitsspeicher. Das Funkzeichen kommt und geht. Und die Domain wechselt. Jetzt ist es ibook.info.


Verzweiflung endet immer im Neustart, und oft genug scheint danach wieder die Sonne. Nicht hier jedoch. Der Neustart des iPad ist zu schnell, um mich abzukühlen, und nicht tiefgreifend genug, um das WLAN hier heile zu machen.  Noch einmal neu das Netzwerk aussuchen – da mache ich eine sensationelle Entdeckung. Ein neues WLAN: SK-LTE. Das ist sicher schuld. Ich werde es vernichten.


Leider habe ich keine Ahnung, wie man andere WLANs vernichtet. Neu eingeloggt in „Telekom ICE“ versuche ich noch einen Anlauf. Dieses mal verweigert mir die Domain airport.us jeden Zugriff. Gibt es noch ein Apple-Wort plus seltsame Domain, das den Login nicht lädt? Vielleich itunes.de.tk? oder iphoto.com.au? Firewire.gr?


15.29 Uhr. Ich bin wieder gefangen. Captive.apple.com meldet, wie alle anderen zuvor, den altbekannten Error vom ersten Versuch, mich im Zug mit dem Internet zu verbinden.

Ich schnaufe zwei Minuten lang, um dann mit buddhaesker Ruhe ins weltweite Netz einzutreten, einfach so, aus einem fahrenden Zug. itools.info hat aber etwas dagegen.
Es ist 15:31 Uhr.

Ich verspreche mir, die nächste Login Seite einfach 5 Minuten mit dem weißen Screen stehen zu lassen. Vielleicht lädt sie nur ultralangsam? Internet 1997-style? Retro-Vintage? Um 15:36 bin ich nicht weiter.

Ich versuche es einfach mal im Browser. Vielleicht geht ja da eine Login-Seite auf. Kriegt ja auch jedes Hotel hin.


Die Bahn leider nicht. Es passiert einfach nichts. Die Schaffner-Kellnerin, die den Kaffee brachte, hat auf Nachfrage von keinem Gast gehört, dass er Probleme mit dem Netz hätte. Ich sehe allerdings auch niemanden surfen. Dafür gibt sie mir neue Login-Daten (Passwort hab ich im Bild entfernt). Als Entschädigung. Das ist sehr nett, aber es mangelt mir nicht an Login-Daten. Es mangelt mir an Login-Seiten, insbesondere an welchen, in denen ich ein Formular ausfüllen kann, das mich ins Internet lässt.


Bielefeld. Ich bin Offline.
Ich habe es auf der Strecke Dortmund-Bielefeld nicht geschafft, das Telekom-Deutsche-Bahn-WLAN für mich nutzbar zu machen. Dafür habe ich es geschafft, per Paypal 4,95 Euro auszugeben und via Eplus 2 Codes zu bestellen, von denen ich einen auch erhalten habe. Dafür werden mir diese wahrscheinlich 3 mal berechnet. Ich gebe auf.


Wir sind nun kurz vor Hannover. Die Tchibo-Omma mit der Daunenweste und dem Ringelpulli vorne aus dem Bielefeld-Bild checkt ihr Facebook auf dem Laptop. Ich suche die Kotztüte. Wäre ich in der Lufthansa, wäre die jetzt in dieser Dokumenten-Lasche des Vordersitzes. Aber da wäre ich wahrscheinlich auch online.

Um einen Amoklauf abzuwenden, frage ich sie, ob sie im WLAN sei. „Surf Stick“, sagt sie, schön langsam, für Doofe eben: "Söööööörf-Stiiiiieeeck". Sie zeigt auf den Eumel, der seitlich aus ihrem Rechner ragt, und erklärt mir, dass man das einfach nur ins USB stecken muss und das macht dann Internet. Wäre auch nicht so teuer. „Kenne ich mich nicht so gut mit aus“, antworte ich. Anstatt zu arbeiten spiele ich auf dem iPad jetzt Sudoku. Geht nämlich auch offline.


Irgendwo zwischen Hannover und ... was auch immer da auf dem Weg nach Berlin liegt, bin ich auf einmal im Netz. Gemerkt wegen einer retweet notification, die ins Sudoku reingeflogen kam. Kann ja irgendwie nicht offline da ankommen. Ich habe zwar nirgends Login-Daten eingegeben noch je einen Login-Screen gesehen, aber ich bin drin. Preiset den Herrn. Es ist 16:36 Uhr. Mein erster Screenshot war um 14:57 Uhr – unter 2 Stunden Set-Up-Zeit. Vermutlich ein Rekord. Ich mache ein paar Mails.

Dann ist es 16:39 Uhr. Ich bin raus.

Immerhin kommt wieder 1st.railnet.train. Was für ein wundervoller Screen das auf einmal ist. „Jetzt ins Internet“ ist der attraktivste Button der Welt, irgendwie.


Ich sehe bald darauf sogar ein Login-Formular. Mein teuflisch genialer Plan, den Benutzernamen zu kopieren, zahlt sich jetzt aus. In Windeseile gefüllt. Jetzt nur noch das 9stellige Spezialkennwort aus den mittlerweile 1 Million Screenshots rausfingern.


16:42 Uhr. „Sie sind online. Viel Spaß beim kabellosen Surfen.“ Ja, ohne Kabel macht das besonderen Spaß. Ich überlege, bis morgen 16:42 Uhr unsinnige Bahnfahrten zu machen und durchgängig via Snap HD-Videos zu streamen, damit sich das auch gelohnt hat. Aber Multimedia-Dickschiffe wie Kicker.de laden hier ungefähr 120 Sekunden lang. So für die halbe Seite.


Dafür zählt die Uhr nur, wenn der Tab aktiv ist.
Zwischen 16:54 Uhr und 17:33 Uhr habe ich nur 10 Sekunden gesurft. Kommt bei der Geschwindigkeit des Netzes zwar ungefähr hin, aber ist wohl doch nicht so gemeint.


Aber ich will nicht motzen. Ich habe 1996 ja auch nicht gemotzt, wenn das Modem mal zuckte.  Und da wurde noch per Minute abgerechnet. Locker erledige ich Mails. Ton aus. Das „Swoosh“ beim Versand soll keine Neider wecken.

Wir fahren in Wolfsburg ein. Nächster Halt: Berlin Spandau.