Technology is our friend: Blogger vs. Journalisten - Unterscheidungen aus einer analogen Welt
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February 6, 2014

Blogger vs. Journalisten - Unterscheidungen aus einer analogen Welt

Der Bundestag akkreditiert Blogger nicht, weil sie keinen Presseausweis haben. Oder besser gesagt: Die Pressestelle des Deutschen Bundestages unterscheidet zwischen Bloggern und Journalisten, idealerweise anhand eines Presseausweises. Das scheint die derzeitige Praxis zu sein, und zu der ist viel (zurecht Empörtes) geschrieben worden - ich selbst habe auch wieder einen Haufen gelernt darüber, wie wer eigentlich Augenzeuge der Demokratie werden kann und darf. Zum Beispiel beim Telemedicus, der taz, aus erster Hand von Tobias Schwarz, der Deutschen Welle und und und.




Was da passiert, ist ein Musterbeispiel für einen der vielen Knotenpunkte innerhalb eines Digitalisierungsvorganges, einer der Momente, die schmerzen, in denen es Geburtswehen gibt und geahnte Wahrheiten vielleicht zu tatsächlichen Wahrheiten werden. Man kann (und muss vielleicht) der Pressestelle des Deutschen Bundestages zu Gute halten, dass es in der Tat sehr wahrscheinlich ist, dass sich rein physisch schon zu viele Leute um eine Akkreditierung bewerben (erinnert ein bisschen an München, NSU). Andererseits kann man (und muss vielleicht) der Pressestelle vorwerfen, dass das nicht sehr überraschend kommen dürfte. Was man ihr aber vorwerfen muss, ist, daraus den Schluss zu ziehen, dass Journalisten mit Presseausweis strukturell den Bloggern, seien sie haupt- oder nebenberuflich tätig, grundsätzlich vorzuziehen seien. Und es hat den Anschein, als handele die Pressestelle des Deutschen Bundestages so. Warum tut sie das? Weil es schon immer so war, insbesondere, als es noch keine Blogger gab. Das wäre die positivste Antwort, die man geben kann, und wenn man Digitalisierungsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft analysiert, trifft das auch häufig zu. Wenn man ein bisschen böswillig ist, interpretiert man das anders: Ein Journalist mit Presseausweis ist entweder angestellt oder steht in finanzieller Abhängigkeit zu größeren Gebilden (was nicht heißt, er wäre grundsätzlich journalistisch nicht unabhängig - es heißt nur, er steht in Abhängigkeiten). Das klingt jetzt linkstheoretisch marxistisch, aber es ist so, dass die Abhängigkeit besteht, weil die "größeren Gebilde" Produktionsmittel besitzen - im journalistischen Beispiel Druckerpressen, Vertriebe, Sendelizenzen und ähnliches. Deswegen gab es vor der Digitalisierung zwar "Quasi-Blogger", etwa zusammenkopierte Blättchen, unabhängige Magazinchen - aber aufgrund der Eintrittshürde Produktionsmittel konnten die immer nur sehr, sehr wenige Menschen auf journalistischem Weg erreichen. Heute ist das anders: Ich, du, er, sie, es kann theoretisch die ganze Welt erreichen. Aufgrund der Digitalisierung sind Markteintrittshürden weggefallen, Produktionsmittel haben sich demokratisiert, und auf einmal gibt es eine Masse an Piranhas, die an den riesigen ehemaligen Platzhirschen nagt. Das haben wir im Laufe der Digitalisierung schon tausend Mal gesehen, und wir werden es noch hunderttausend weitere Male sehen.

Im Fall des Journalismus ist dabei das Dramatische (wertfrei), dass damit die oben beschriebenen Abhängigkeiten wegfallen - der Blogger ist eine "unguided missile", der ist nichts und niemandem verpflichtet, der hat keinen Chef, kein Verlagshaus, keinen Sender im Nacken, und da kann man auch nicht einfach so anrufen, vom Rubikon faseln und hoffen, dass von dem Haufen Scheiße, den man da ausgekippt hat, hinreichend viel auf die Schreibtische der Redaktionen fällt, so dass die in Zukunft zwei Mal überlegen, bevor sie schreiben. Die deutsche Verlagslandschaft ist hoch konzentriert - 59% der Erzeugnisse werden von 10 Verlagsgruppen produziert. Bei den Kaufzeitungen decken die Top 5 Verlage entspannte 97% der Auflage ab. Man kann nicht behaupten, dass es gezielt darum geht, diese "größeren Gebilde" zu stützen oder dass man gezielt Einfluss nehmen wollte - aber rein intuitiv ist der Gedanke, dass man bei Journalisten dieser Unternehmen "weiß, wen man da im Haus hat" (und damit in letzter Konsequenz auch weiß, was ungefähr geschrieben wird, oder weiß, wem man im Zweifel aufs Dach steigen müsste) nicht von der Hand zu weisen. Das gilt im Positiven wie im Negativen: Der Panorama-Journalist und der Springer-Schreiber können halt beide eingeschätzt werden, so oder so. Aber wenn ein Markus Beckedahl mit netzpolitik.org keine Akkreditierung bekommt oder einem Tobias Schwarz bei seinem Versuch gesagt wird, dass man von Netzpiloten.de noch nie etwas gehört habe, dann unterliegt dem, gezielt oder nicht, sicher mindestens zum Teil dieses Gefühl von potenzieller, gefühlter Minimal-Kontrolle, die es bei Medien, von denen man schon gehört hat, ja irgendwie geben müsse. Wie gesagt - das ist bei neuen Teilnehmern in digitalisierten Märkten aufgrund wegfallender Markteintrittsbarrieren ein üblicher Vorgang. "Kauf nicht im Online Shop, die betrügen mit Kreditkarten und dein Produkt kriegst du auch nie" - so klang das 1998, heute ist es "Blogger haben halt keinen Presseausweis".

Zwar 2008, gab's 10 Jahre vorher aber noch massiver: Aufpassen beim Online-Einkauf!

Was es also braucht, ist ein Mechanismus, nach dem Akkreditierungen verteilt werden, der einer neuen Zeit angepasst ist. Damit geht ein - gefühlter oder tatsächlicher - Kontrollverlust einher, und auch das ist in allen Digitalisierungsprozessen zu beobachten. Und wie so oft ist der ohnehin schon eingetreten - aber das einzusehen, sich selbst einzugestehen und vor allen Dingen: das dann auch zu institutionalisieren, ist eine äußerst delikate Angelegenheit. Ende 2008 war es in den USA so weit, dass das Web in seiner Gesamtheit die Tageszeitung als Nachrichtenquelle überholt hatte. Das inkludierte allerdings auch die Web-Angebote von Tageszeitungen. Was auch häufig anzutreffen ist in der Digitalisierung: "Alles halb so schlimm, wir sind jetzt auch in der digitalen Welt dominant". Als Stütze dessen könnte man die BITKOM-Studie nehmen, die im Mai letzten Jahres vor der Bundestagswahl veröffentlicht wurde. Danach sind die oben genannten "größeren Gebilde", Verlage, Sender und Co., auch in der Online-Welt die wichtigste Quelle im Informationsverhalten der Bürger. Wenn man diese vorsichtig liest, findet man dort aber auch gute Argumente, warum die Blogger-/Journalisten-Unterscheidung in ihrem Grundsatz falsch ist. Zum Einen werden dort soziale Netzwerke getrennt von den Online-Angeboten der Tageszeitungen betrachtet, was in sich den gesamten Mechanismus, wie heutzutage Nachrichten zu Menschen gelangen, ignoriert. In Newsfeeds, Timelines usw. kommen die Nachrichten zu mir - nicht ich zu den Nachrichten. Und häufig genug reicht die Headline in meinem Newsfeed aus, um mich informiert zu fühlen - was im Übrigen das Endprodukt der journalistischen Tätigkeit ist, sofern sie sich nicht auf Werbekunden bezieht. Noch dramatischer, was sich wieder auf die Produktionsmittel bezieht: Ob die Pressestelle des Deutschen Bundestags selbst, eine Nachrichtenagentur, eine Tageszeitung, ein Blogger oder mein Nachbar eine Nachricht schreibt, ist den Social Networks vollkommen egal. Die Nachrichten werden gleichrangig ausgeliefert, in Twitter vollständig gleichrangig, in Facebook nach Relevanz, und das maßgeblich beeinflusst von der individuellen Beziehung zwischen Empfänger und Sender. Wenn ich also Tilo Jung mehr traue als Günter Jauch und mehr mit ihm interagiere, werden mir seine Beiträge prominenter angezeigt. Der eine produziert mit Media-Markt-Equipment, sendet selbst bei Youtube und neuerdings bei Joiz, der andere Sonntag abends live aus dem Gasometer in der ARD. Der eine ist eine "unguided missile", der andere gehört zu einem "größeren Gebilde". Der eine kriegt keine Akkreditierung, der andere lädt Minister ein und sie kommen gerne.

In besagter BITKOM-Studie, die wie gesagt ein paar fundamentale Mechanismen außer acht lässt, sind es dann immer noch 16% der Befragten, die sich explizit in politischen Blogs informieren, und 55% der 18-29jährigen, die sich in sozialen Netzwerken über Politik informieren. Das, liebe Pressestelle des Deutschen Bundestages, kann man in meinen Augen nicht ignorieren. Der Vorwurf, den man machen muss, ist also zweigeteilt: Erstens, dass man die falschen Kriterien heranzieht, um Akkreditierungen zu verteilen, und zweitens, dass man so tut, als sei man von der Menge der Anfragen überrascht und dieses zur Rechtfertigung für eben jene falschen Kriterien heranführt.

Der Druck darauf, neue, durch Digitalisierung entstandene Verhältnisse etwa durch Kriterien zur Akkreditierungsvergabe institutionalisiert anzuerkennen, wird weiter wachsen. Zum Einen durch sinkende Relevanz der obig beschriebenen "größeren Gebilde", die so sicher ist wie das Amen in der Kirche (die Frage ist nur, wie schnell das in spürbarem Ausmaß kommt) - auch das haben wir aus den Digitalisierungsprozessen der Vergangenheit gelernt. Zum Anderen werden die Blogger an Einfluss gewinnen und auch andere Wege, etwa Live-Streams politischer Vorgänge statt physischer Präsenz, zur Berichterstattung nutzen. Das wird der Gang der Dinge, und dem wird sich auch der Bundestag nicht verschließen.

Wie sagt Jeff Jarvis so schön?
"There are no Journalists, there is only the service of Journalism".


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