Technology is our friend: Goobye De:bug
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March 11, 2014

Goobye De:bug

Wenn eine Tageszeitung wieder einmal die Segel streicht, haben wir in den Web-Reaktionen immer locker 50%-80% Häme. "Sterbt doch" denke ich allerdings auch selbst oft genug, wenn ich im Kiosk stehe, weiß, dass ich im Flieger nur die Nachrichten von gestern bekommen werde und nach einer Alternative suche, aber keine finde. Ich bin dahingehend versaut, dass ich eh schon nicht weiss, wann ich das alles lesen soll, was ich interessant finde - warum mir dann einen Papierklotz ans Bein binden, in dem mich wahrscheinlich nicht einmal 20% der Inhalte reizen werden? Bei dem Versuch der Akku-Schonung während der Tagesreise ohne Steckdose lande ich dann eher beim Sudoku-Heft als beim Spiegel, auch wenn die Sudoku-App, die ich sonst nutze, umsonst ist und um Tonnen besser als jedes Papier-Spiel.
Und warum hab ich nicht jedes Mal, wenn das so war, eine De:bug gekauft? Weiß ich jetzt auch nicht. Vielleicht, weil sie nicht in jedem Kiosk liegt. Vielleicht, weil sie nicht da liegt, wo ich hinschaue. Und ganz sicher, weil ich nicht daran gedacht habe. Scheint nicht nur mir so zu gehen: In den Beiträgen, die ich bisher zum vorläufigen Aus des Magazins gelesen habe, war kein bisschen Häme zu erkennen. Eher Reue, Selbst-Scham und das Bekenntnis, die De:Bug zwar geil zu finden, aber dann doch seit Ewigkeiten nicht mehr gekauft zu haben. Und auf der Website war man jetzt auch nicht jeden Tag. Schnell noch Facebook-Fan werden.


Eigentlich hat ja niemand mich, wie ich mich selbst sehe, so verstanden wie die De:bug. Allein der vorläufig letzte Titel. Smartcore. Fick das Betriebssystem. Netz, Musik, Pop, Technik, Digitale Gesellschaft, Modernes Leben, alles in Einem.
Und Technology is our friend. Aber in Freundschaft muss man ja investieren. Wenn ich die De:Bug nicht jedes Mal kaufe, wer denn dann?

Offenbar zu wenige. Schön ist, dass selbst der oben und hier nochmal verlinkte "Abschiedstext" optimistisch wirkt und sich schön vom "Mimimi" der Umsonstkultur-Beschwerer abgrenzt. Sogar mit Verweis darauf, dass Papier einen Wert an sich darstellt. Worüber man streiten kann. Vielleicht auch sollte. Oder muss, wieder einmal. Denn ich vermute ja die Gründe, weshalb wir eine Zeitschrift (jetzt fällt mir erst auf, was "Zeit-Schrift" für ein schönes Wort ist) nicht kaufen, die wir aber offenbar alle wirklich wertschätzen und gut finden, schon in der Nähe des Papiers. Da stimmt ja alles, Themenmix, Style, Brand, "Wer bin ich, wenn ich De:Bug lese". Papier ist für mich sicher einer der Gründe. Ein anderer ist in meinen Augen, dass ich diese Mischung, Netz, Musik, Pop, Technik, Digitale Gesellschaft, Modernes Leben, irgendwie mittlerweile selbst hinbekomme. Das war früher nicht so. Flipboard, Posts und Soundcloud-Mixes auf Facebook, Good Old RSS, Google Currents, der gelegentliche Tweet und Freundes-Empfehlungen drehen sich, Filter Bubble hin oder her, um all diese Themen, die mir wichtig sind, und für mich ganz persönlich kommt noch ein Schuss Fußball dazu. Nicht der kicker, den kaufe ich auch nicht mehr. Aber ich sehe der Familie von Jermaine Jones auf Instagram beim wachsen und leben in Istanbul zu, weil ich dem Account seiner Frau folge. Ich entdecke Musik selten über Spotify und meistens über Posts von Menschen, denen ich unter anderem deshalb folge, weil sie einen sensationellen Musikgeschmack haben. "Das alles war irgendwie unser Auftrag", schreibt Sascha Kösch in seinem persönlichen Rückblick unter die Sätze, die De:bugs Schaffen skizzieren, und ich will das gerne als Bumper Sticker unter mein eigenes Medienverhalten kleben. Mit der De:bug war der Weg dahin besser. Und irgendwann ist das debugging vielleicht auch durch, dann funktioniert etwas an den meisten Ecken und Enden echt gut. Insofern: Danke De:bug, Mission accomplished.