Technology is our friend: Wir brauchen eher eine ÖR-Reform als eine GEZ-Reform
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March 13, 2014

Wir brauchen eher eine ÖR-Reform als eine GEZ-Reform

Heute mal kurz etwas eher Privates: Falls man keine Vorstellung davon hat, wie viel eigentlich ARD und ZDF geschaut wird oder was eigentlich im deutschen TV populär ist.
Ich gehöre ja zu denen, die daran glauben, dass ein öffentlicher Rundfunk notwendig ist. Und ich zahle dafür auch halbwegs gerne (so einer bin ich auch). Und ich glaube natürlich daran, dass man mit 8 Mrd. Budget durchaus sehr regelmäßig ein "House of Cards" raushauen können müsste. Ich will auch keine 73 Cents im Monat zurück und eigentlich finde ich, meinem naiven Verständnis nach, den ÖR aus Steuern finanziert sinnvoller als aus einer Spezialabgabe, die sich immer wirr berechnen muss, weil das in der Natur von Spezialabgaben liegt.

Weil derzeit wild diskutiert wird, ob wir in Zukunft nun 73 Cent weniger im Monat zahlen, das ganze System nicht rechtens ist und sich damit auch strukturelle Fragen zum ÖR stellen: Ich persönlich finde, der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte per se werbefrei sein, nicht, weil ich (disclosure) viel für privates TV arbeite, sondern weil dann die Gestaltung eines "werbefreundlichen Programms" keine Rolle mehr spielt. Sollte sie eigentlich auch deshalb nicht, weil es ohnehin nicht gelingt.

Schauen wir uns mal den 11. März an:


Man kann die Quotenermittlung ja ohnehin für eine riesige Lüge halten, aber wenn wir uns an den Zahlen hier festhalten, und die gesamte TV-Wirtschaft tut dies, dann erkennen wir, dass die öffentlich-rechtlichen TV-Programme für ihre Informationssendungen gebraucht werden und alles andere, wenn überhaupt, ein Publikum über im Alter über 49 anspricht.

Ich will damit sagen: ARD und ZDF sollten, da quasi steuerfinanziert, genau das machen, was zwar gebraucht wird, aber sich privatwirtschaftlich eben nicht von alleine regelt (auch so einer bin ich: nicht alles regelt sich durch den Markt): Allgemeine Informationsprogramme in hoher Qualität und dazu Unterhaltung in Nischen - die zu klein, zu gewagt, zu riskant, zu aufwendig für privates TV sind. Lieber hätte ich 3 arte-Sender, 2 ZDF Neos und 4 EinsPlusse als das x-te dämliche Quiz, den x-ten belanglosen Fernsehfilm, die x-te Vorabendserie, die genau so gut auch bei Sat1 laufen könnten. Aber eigentlich will ich die alle schon nicht mehr haben. Denn noch empfehlenswerter wäre doch ein BBC iPlayer in deutscher Version, eine digitale Riesen-Mediathek, verlässliche Online-Medien - Text, Audio, Video, aus Steuergeldern, die ohne Headline-Bait und Clicks durch Lügen auskommen. Der gesamte Rundfunk-Staatsvertrag mit seinen Sendelizenzen und dem Grundversorgungsauftrag wird ja ohnehin von einer Welle des Internetfernsehens derart unterspült, dass man sich jetzt schon an die übernächste Reform machen müsste. Die ganze Idee, man könne ein Volk "grundversorgen" und eine Art Bildungsauftrag quasi gezwungenermaßen vollziehen, ist ja in Zeiten mit 200 Sendern im Kabel und diesem Internetz in sich obsolet.
Welcome to reality:


Die Mehrheit ruft kostenpflichtig an, um "Mir egal" durchzugeben. Eine bestimmte Klientel ist also ohnehin schon verloren, und wenn man nochmal oben auf die Quote schaut, dann ist diese Klientel zu weiten Teilen 14-49 Jahre alt. Schaut euch mal in der Quote oben Platz 22 an: "Um Himmels Willen" auf ARD wird von 6,3 Millionen Menschen geschaut. Runde 5,5 Millionen davon sind 50 Jahre alt oder älter. Ich sage ja nicht, dass man für diese Leute kein Programm machen sollte. Ich sage bloß, dass man die anderen komplett verliert. Man kann die nicht zwingen, Nachrichten zu schauen. Man muss sie besser machen als andere, die von Werbung getrieben sind. Und für all diese Programme gilt natürlich: sie sind "opt in". Man schaut sie freiwillig. Insbesondere digital. Und dabei denke ich auch an die, die heute 12 Jahre alt sind. Und die noch nicht hinterfragen, warum ARD in wahrscheinlich 90% der Fernseher heute auf der 1 programmiert ist. Die aber alle keine Fernseher mehr in ihren Kinderzimmern brauchen, sondern Smartphones, Tablets und Laptops.

Also, demographischer Wandel hin oder her: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsste eigentlich bereits jetzt radikal digital gehen: Digital first, und die TV/Radio-Angebote als eine Ableitung daraus sehen, bei der immer noch hinreichend viele Inhalte für das normale, lineare TV und das Geriatrie-Fernsehen abfallen. Und nicht andersrum, wie jetzt: Erst mal das TV füllen, irgendwie auf Quote kommen, und dann schauen, wie man das digital verwursten kann. Wenn sie für die Transition ins Digitale 100 Millionen im Jahr brauchen, was bedeuten würde, dass sie meine 73 Cent im Monat behalten wollen: Be my guest.