Technology is our friend: Das Innovator Speaker Dilemma
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June 24, 2014

Das Innovator Speaker Dilemma

1997 kam das Buch "The Innovator's Dilemma" heraus. Damals weniger beachtet als heute, weil es seiner Zeit voraus war. Denn der Untertitel lautet: "When new technology causes great firms to fall". Und heute sehen das viel mehr Firmen als reales Szenario, als das noch vor 17 Jahren der Fall war. Man könnte jetzt tausend Links darüber posten, wie das Buch aufgenommen, diskutiert und in Geschäftsstrategien eingeflossen ist oder auch nicht, aber es gibt da noch ein weiteres, viel kleineres Dilemma beim Thema Innovation: "Wie vermittelt man das eigentlich?"
Da habe ich persönlich schon so einiges ausprobiert und bin häufig genug mit der flachen Nase vor die Glaswand gerannt, nicht ohne hässliche Blutflecken zu hinterlassen. Der Approach "volle Kanne in die Fresse" ist übrigens nach meiner Erfahrung einer der sichersten Wege, solche Glaswände ausfindig zu machen, gegen die man dann mit voller Wucht knallen kann. Allerdings habe ich das immer gemacht, ohne Multifantastilliardär zu sein wie Oliver Samwer. Der hat den Ansatz letztens nämlich wiederbelebt und komischerweise habe ich, wenn ich ehrlich bin, große Sympathien dafür gespürt, die mich selbst überrascht haben.
Quelle: Meedia.de

Unabhängig davon, was man von dem gesamten Samwer-Imperium, seinem Image und den handelnden Personen hält: Chuzpe braucht es allemal, um bei einer Präsentation bei L'Oreal (laut Meedia) etwas von sich zu geben wie das hier:

"Geschäfte sind Mittelalter. Sie wurden nur gebaut, weil es kein Internet gab."

Wenn du das heute einem Media Markt erzählst oder einem Ikea oder Lidl, lacht er dich vielleicht immer noch aus. Oder einem Stadtplaner oder einem Rentenfonds, der gerade eine Shopping-Mall nach der anderen durchfinanziert. Andererseits hat Amazon allein in Deutschland in 2013 geschätzte 6,5 Milliarden Euro umgesetzt, Otto knapp 2,3 Milliarden, Zalando fast eine Milliarde, alle auf strammem Wachstumskurs. Auf deutsch: Der Kerl hat recht. Geschäfte sind Mittelalter, und sie wurden nur erfunden, weil es das Internet nicht gab. Papier ist Mittelalter. Es hat sich nur durchgesetzt, weil es besser als Stofftuch und das besser als Steintafel war. Und weil es noch kein Internet gab. Kabel-TV wurde nur erfunden, weil es kein Internet gab. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Interessant bei diesem Approach ist die Radikalität: Was gerne als Frontalangriff (flankiert mit Sätzen wie "Sie sind zu alt, um das zu verstehen" - siehe Bild) verstanden wird, ist vielleicht notwendig, um die Perspektive von "einfach manage-barem Wandel" hin zu "sehr schwer manage-barer Revolution" zu verändern. Vielleicht macht man sich mit dieser Art der Vermittlung von Innovationsdruck keine Freunde, aber wenn man gerade seinen x-ten Börsengang plant und die nächsten 34 Generationen der Familie nicht mehr arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, ist das wohl auch kein Maßstab.

Die Frage für den geneigten Berater ist: Hilft man einem Unternehmen mehr, wenn man ihm Stück für Stück, didaktisch geschickt, immer wieder und gebetsmühlenartig, mit den neuesten verfügbaren Zahlen hinterlegt, den Wandel der Welt und die Implikationen für eben jenes Unternehmen möglichst sozialverträglich darlegt, oder ist von Zeit zu Zeit die "in die Fresse Methode", auch auf die Gefahr hin, dass der Kunde nie wieder mit dir reden will, der bessere Weg?

Es würde mir schwer fallen, jetzt einem Kunden hieb- und stichfest vorzurechnen, warum er, wie Samwer sagt, nicht seine jetzigen Kunden befragen soll, die auch zu alt sind, sondern die 15jährigen, die alles mit dem Smartphone machen. Andererseits sagt mein Bauchgefühl, dass er auch dort recht hat. Und wenn ich sehe, dass man erst einmal ein Jahr evangelisierend vom Mobile Shift reden muss, um in 2012 die "bei uns ist das aber nicht so"-Reaktionen einzusammeln, und erst dann, wenn das Kind auf halbem Weg in den Brunnen ist, ernsthaftes Gehör findet, könnte die Methode eines sehr rauhen, verbalen Durchschüttelns der Zuhörerschaft vielleicht doch ganz hilfreich sein. Das verändert im besten Fall die gesamte Perspektive, aus der die digitale Entwicklung betrachtet wird, und das in eine gewinnbringende Richtung. So sehr ich diese üblichen "My business in 2020" Visionen für weitestgehend unseriös halte, so sehr denke ich, dass die "sanfte" Methode des Innovationsmanagements vielleicht zu sanft ist, nicht zu den "bold moves" führt, letztlich also zu kleine Schritte propagiert. Und dann ist langfristig weder dem Unternehmen noch dem Berater geholfen. Was wieder zum Innovator's Dilemma führt, beziehungsweise zu meinem ganz persönlichen Innovator Speaker Dilemma: Wann und mit welcher Intensität muss man sein eigenes, ganz aktuelles Geschäft gefährden bzw. strategisch mehr oder weniger ignorieren, um mittel- und langfristig den richtigen Weg zu gehen?

Sollte ich also demnächst mal bei einer Präsentation oder einem Vortrag zu sehr über die Stränge schlagen, werde ich auf diesen Post hier verweisen und um Verständnis werben: Vielleicht ist es eben wirklich schon zu spät, darüber zu reden, "ob" das Buch oder die Zeitung auf Papier den Wandel der Zeit überleben wird. "Ob" die übernächste Generation im Ernst in ein Gebäude geht, in dem vielleicht ganze 80 Läden untergebracht sind, um nach Produkten zu suchen. "Ob" elektronische Geräte ohne jede Art von Netzverbindung und Intelligenz in deren Haushalten stehen werden. Vielleicht ist jetzt schon die Zeit gekommen, das einfach zu akzeptieren; und wenn einer sagt, dass der Wandel nicht in der Geschwindigkeit passiert, in der man über den Golfplatz geht, sondern mehr so im Formel-1-Style, dann meint er das vielleicht gar nicht so abwertend und aggressiv, wie es klingt, sondern will nur die Perspektive ändern, aus der man auf die Themen blickt, die seiner Meinung nach existenziell wichtig sind: Es kommt halt nicht nur darauf an, was man sieht, sondern noch viel mehr darauf, als was man etwas betrachtet. Und dafür sind Berater, wenn sie nicht gerade als McKinsey-Horde Linientätigkeiten ausführen, zu einem guten Teil auch da.