Technology is our friend: 5 Dinge, die wir von BuzzFeed und Co. lernen können
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December 9, 2014

5 Dinge, die wir von BuzzFeed und Co. lernen können

Dieser Post ist die deutsche Version eines zuvor hier veröffentlichten englischen Artikels - und relativ lang und ausführlich geraten mit vielen Links und Statistiken. Wer in Eile ist, kann hier eine schnelle englische Zusammenfassung als Liste lesen.


Henry Blodget, CEO und Chefredakteur von BusinessInsider
Zitat aus http://www.businessinsider.com/usa-today-sell-business-insider-2013-11


Der CEO vom BusinessInsider hat ein bemerkenswertes Zitat geliefert: Dass digitaler Journalismus so unterschiedlich von TV- oder Printjournalismus sei, wie TV- und Printjournalismus zueinander unterschiedlich seien. Und dass digitaler Journalismus native, ursprünglich digitale Komponenten benötige - eine nativ digitale Redaktion, ein nativ digitales Geschäftsmodell, eine nativ digitale Kostenstruktur. So einfach das gesagt ist, so schwer ist es, die Tragweite dieser Sichtweise nachzuvollziehen. Dazu macht es Sinn, sich Unternehmen genauer anzusehen, die "nativ digitalen Journalismus" anbieten. Anders als die traditionellen Medien mit ihren digitalen Derivaten schreiben diese Unternehmen, neben dem BusinessInsider auch BuzzFeed, Upworthy, BleacherReport, Vice und andere sogenannte "pure players“, derzeit in jeder Hinsicht Erfolgsgeschichten. (BuzzFeed's Unternehmenswert wird derzeit auf mehr als das Dreifache etwa einer Washington Post taxiert )
Ein Blick auf diese Unternehmen ist übrigens nicht nur aus der Perspektive des Journalismus interessant - auch Hersteller, Marken, also eigentlich jeder, der digitale Medien mit einem wirtschaftlichen Interesse betreibt, kann aus der Ausrichtung dieser Unternehmen lernen, wie man zukünftig digitale Reichweite erzielt.


http://insights.buzzfeed.com/industry-trends-2014/

Im November hat BuzzFeed sehr interessante "Insights" veröffentlicht, unter dem Namen “How Technology is changing Media”. Hier legen sie die Schwerpunkte auf drei große Bereiche: Social Media, Mobile und Video. Um die Mechanismen zu verstehen, aufgrund derer diese drei Bereiche so wichtig geworden sind und so große Auswirkungen auf die Zukunft der Distribution von Inhalten haben, müssen wir hier ein wenig tiefer einsteigen als nur die (sehr interessanten) Zahlen aus den BuzzFeed-Insights zu betrachten.



SOCIAL MEDIA

Es gibt keinen Zweifel, dass BuzzFeed Social Media hauptsächlich als Quelle für Traffic versteht. In ihren Insights geben sie Preis, dass sie 5x mehr Traffic aus Social Media bekommen als aus (der Google-)Suche. Gerade in Deutschland ist dieses ein kaum vorstellbares Verhältnis, in dem allerdings eine wohl noch nicht abgeschlossene Dynamik liegt: Im Februar 2014 waren es nur 3.5x mehr Traffic aus Social gegenüber Search. Logischerweise werden Headlines und Links nicht mehr für Suchmaschinen, sondern für Social Media optimiert. Statistiken von Shareaholic lassen uns dabei vermuten, dass der Großteil dieses Traffics von Facebook kommt. Entgegen selbst in Deutschland noch immer anhaltenden Gerüchten ist Twitter für die meisten Seiten als Trafficquelle weitaus uneffektiver als Facebook.


http://www.statista.com/statistics/267140/social-sharing-referral-traffic-publisher/

Während also viele Unternehmen darüber diskutieren, ob und wie man dank Social Media Kundenbeziehungen pflegen, Dialoge inszenieren oder gar eine Community aufbauen könnte, ordnet BuzzFeed diese Aktivitäten einem übergeordnetem Ziel unter: Durch Clicks eigener Fans, aber auch durch das aktive Teilen von Artikeln Traffic auf die eigenen digitalen Destinationen zu bringen. Das erfordert, inbesondere bei Facebook mit dem Newsfeed Algorithmus, natürlich die Erstellung von hochwertigem, in einem Newsfeed funktionierenden Content. Der hier aufgebrachte redaktionelle Aufwand ist eine Investition in Social Media als Trafficquelle. Als reine Linkschleuder, also mit Minimal-Aufwand, gelingt es nicht, derartig viel Traffic aus Social Media zu generieren. Und als Community Building Tool, also mit Maximal-Aufwand, stehen Einsatz und Ertrag in keinem so positiven Verhältnis. Das scheinbare "Weggeben" von Content in die Newsfeeds von Menschen in sozialen Netzwerken ist kein Harakiri, sondern Investition in Traffic. Jetzt mag man annehmen, dass Seiten wie BuzzFeed oder BleacherReport Extremfälle sind. Wir sehen aber ähnliche, nur nicht so extrem ausgeprägte Entwicklungen bei sehr vielen digitalen Destinationen. Typischerweise hat man dort vier dominierende Trafficquellen: Suche (hierzulande Synonym mit Google), Social (hierzulande Synonym mit Facebook), direkten Traffic (Bookmark/Eingabe in Browser) und Werbung bzw. Barter. Unter diesen Quellen dominiert typischerweise die Suche. Analysiert man das Verhalten von Seiten- oder App-Besuchern nach Trafficquelle, also etwa die Anzahl der Seitenaufrufe und die Aufenthaltsdauer, kommt man auch häufig zu dem Schluss, dass Social die "schlechtesten" Seitenbesucher mitbringt. Aber eventuell werden diese in Zukunft die Mehrheit der Besucher stellen - man kann sich also kaum erlauben, diese Trafficquelle künstlich klein zu halten oder sich in diesem Bereich nicht zu engagieren. Früher, im Web vor der Dominanz von Social Networks, begaben sich Seitenbesucher zu den jeweiligen Webseiten - heute kommen die News zu uns, in unsere Newsfeeds. Das sehen Seitenbetreiber etwa auch am Anteil des Homepage-Traffics am Gesamt-Traffic. Früher landete man auf der "Startseite" eines Portals und klickte sich von dort aus in die tieferen Level der Navigation - heute findet man sich, kommend aus einem Social Media Newsfeed, direkt auf den Artikelseiten wieder (wenn also der altbekannte "Homepage Takeover" das am einfachsten zu verkaufende Werbeprodukt einer Seite ist, wird das eine beunruhigende Entwicklung sein). Wir werden nachher sehen, wie diese neuen nativ digitalen Unternehmen damit umgehen. Aber die Wurzeln dieses Trends liegen in Social Media als Trafficquelle, und der Anteil dieser Art des Traffics nimmt bei den meisten Apps und Webseiten seit Jahren stetig zu. Das liegt nicht nur an der zunehmenden Reichweite sozialer Netzwerke, sondern auch an einem weiteren Trend: Mobile. Denn, wie BuzzFeed es ausdrückt:
Social Media Feeds sind die neuen Homepages - deshalb ist es zunehmend wichtig, in Content zu investieren, der für social und mobile optimiert ist.”*



MOBILE

"Mobile is eating the world", sagt man mittlerweile, und es gibt unendlich viele Statistiken, die dafür sprechen - seit Jahren reden wir vom "mobile shift", und jetzt sind die Beweise dafür da. Und das obwohl insbesondere deutsche Medien, auch digitale, den Trend nicht unbedingt mit offenen Armen begrüßen können - denn der Umsatz, den mobile Seiten erzeugen, liegt nicht selten bei 10-20% des Desktop-Umsatzes. Das ist aber das Problem einer fragmentierten und chaotischen Vermarktungs- und Agentur-Landschaft, die schlecht auf die übliche Kritik von zu kleinen Bildschirmgrößen, Banner-Blindheit und "dicke Daumen" reagiert, und das Problem der mobilen Werbeformate selbst – aber wer sagt, dass der Werbebanner, seit den Mittneunzigern mehr oder weniger unverändert, eine sinnvolle digitale Werbeform wäre, insbesondere auf Smartphones und Tablets?


http://www.businessinsider.com/facebook-q3-earnings-2014-10

Ganz sicher ist der "mobile shift" jedenfalls nicht das Problem der Konsumenten. Von Facebook's 1,35 Milliarden aktiven Nutzern nutzen mehr als doppelt so viele ausschließlich (!) die mobilen Angebote als ausschließlich die Webseite / das Desktop-Angebot. Von den täglich aktiven 700 Millionen mobilen Facebook Nutzern sind mehr als die Hälfte nur auf dem Mobil-Angebot aktiv. Selbst renommierte, "alte" Medien wie ESPN in den USA hatten 55% "mobile exclusive" Besucher im September 2014. Das hat enorme Auswirkungen auf die Geschäftsmechaniken: Auf mobilen Geräten (gern auch zuhause auf der Couch verwendet), nimmt die Bedeutung der Trafficquelle "Suche" eher ab; die meisten Internet-Sessions dort beginnen in einer App und nicht im Browser. Nur 14% unserer Smartphone-Zeit verbringen wie im Browser - 86% in Apps. Während man jetzt daraus schließen könnte, man müsste sofort an einer Überflieger-App arbeiten, könnte man etwas besonnener auch zu dem Schluss kommen, dass vielleicht eine massive Präsenz in Apps, die ohnehin schon viel verwendet werden, auch eine sinnvolle Lösung sein kann, um Traffic zu generieren - zum Beispiel in Facebook, das unglaubliche 17% unserer gesamten Smartphone-Zeit (!) auf sich vereint.


http://www.flurry.com/bid/109749/Apps-Solidify-Leadership-Six-Years-into-the-Mobile-Revolution#.VH8VcDGG-pg

Social Media and Mobile beeinflussen sich also gegenseitig - der eine Megatrend beschleunigt den anderen und umgekehrt. Bei BuzzFeed kommt 60% des "Social Media Traffics" von mobilen Geräten, und von diesen wird doppelt so oft in Social Media geteilt als von Desktops.
Eine andere Folge dieses "mobile shift" ist, dass der Content selbst dem ungeduldigen Publikum an kleinen Bildschirmen angepasst sein muss. Bei Robin Williams Suizid haben traditionelle Medien in der Regel 1-3 Artikel veröffentlicht - einer davon in der Regel lange recherchiert, ausufernd geschrieben, mit sorgfältig ausgewählten Bildern versehen, selbst eingeholten Statements von Prominenten und häufig genug auf 5, 6 oder 7 Seiten präsentiert, damit mehr Klicks zu mehr Bannern führen, die den Artikel begleiten. BuzzFeed hat über 50 (!) Stories zu dem Thema veröffentlicht. Eher visuell als verbal. Einfach zu verstehen, schnell zu konsumieren, häufig auch nur Inhalte aus Social Media aggregierend oder rare YouTube-Videos präsentierend, immer mit dem Nutzer im Hinterkopf, der Aufmerksamkeit und Zeit gegen Information und Entertainment tauscht - letztlich also mobile-optimiert in Form, Erscheinungsbild und Inhalt. Das gilt natürlich auch für den dritten großen Bereich:



VIDEO


Während insbesondere Mediaagenturen die Idee kleiner Bildschirme für ihre Werbung eher unpassend finden, ist das Publikum offensichtlich anderer Meinung: Video auf Smartphones und Tablets boomt. Es mag in der Tat nicht ganz so beeindruckend sein, wenn man sich die epischen Landschaftsaufnahmen von "Der mit dem Wolf tanzt" auf einem 11cm großen Bildschirm ansieht. Aber es gibt hinreichend Content, der gerne auf Smartphones konsumiert wird - nicht nur hinsichtlich der Bildsprache, auch hinsichtlich der Erzählgeschwindigkeit. Vine Nutzer haben ganze 6 Sekunden Zeit, Instagram Nutzer ganze 15 Sekunden, um ihre Geschichten in Videos zu erzählen. Das Publikum ist ungeduldig - und Achtung, die nachfolgenden Zahlen sind von 2010, und seither ist es sicher nicht "besser" geworden: 19.4% der Nutzer brechen ein Internet-Video innerhalb der ersten 10 Sekunden ab, 44.1% in den ersten 60 Sekunden (anhand einer Studie von Visible Measures). Falls also ein Video zu lange lädt oder es auch zu lang dauert, bis sich eine Geschichte aufbaut, sind viele Nutzer bereits wieder weg – eine Sekunde längere Ladedauer einer Seite kann für 11% weniger Page Views sorgen.
In dieser Zeit, mit dem wahrscheinlich ungeduldigsten Publikum aller Zeiten, können Videos nur schwerlich einer TV-Logik folgen - dort ist der Produktionspreis pro Minute eine typische Messgröße, und das kann dazu führen, dass einmal aufgebaute Settings eher ausufernd genutzt werden oder "storytelling" gerne in die Länge gezogen wird – reines Gift für Online-Video. Circus Halli Galli etwa wird im Fernsehen eher auf Länge produziert - online stehen Clips und Ausschnitte im Vordergrund. Mit einem gewissen "Risiko", denn pre-roll-Videos, das Äquivalent zur Fernsehwerbung, sind dank stabil attraktiver Tausenderkontakt-Preise eine wichtige Einnahmequelle - aber ein 30-sekündiger Spot vor einem 8-sekündigen Clip ist dann auch ein bisschen albern.
BuzzFeed benutzt ausschließlich YouTube - und braucht damit keine Player-Technologie und auch keine eigene Pre-Roll-Vermarktung, im Austausch gegen eine Beteiligung an den Umsätzen. Aber diese stehen auch nicht direkt im Vordergrund, wie wir nachher sehen werden. Die Video-Statistiken sind jedenfalls atemberaubend: Die Hauptnutzung findet in den USA zur TV-Primetime statt, und BuzzFeed erreicht unter 18-34jährigen mehr Nutzer als jede TV Station in den USA.


http://insights.buzzfeed.com/industry-trends-2014/

Auch hier scheint eher das Ziel zu sein, viele Nutzer an sich zu binden und Aufmerksamkeit für sich zu gewinnen, als direkte Umsätze mit Pre-Roll-Video zu generieren. 27% von BuzzFeeds fast 2000 Videos bei YouTube haben mehr als 1 Million Aufrufe.



Was können wir von diesen Zahlen, von der Perspektive, die diese nativ digitalen "pure Player" einnehmen, insbesondere von den Wirkungsweisen und Mechanismen in Social Media, Mobile und Video lernen? Lässt sich überhaupt etwas adaptieren, ohne zu einer schlechten Kopie solcher Seiten zu werden?
Ich bin der Überzeugung, dass diese Mechanismen gerade für eine Transformation innerhalb der digitalen Welt sorgen. Dass sich grundlegend verändert, wie Inhalte ihr Publikum erreichen, und dass dieses wiederum für jeden relevant ist, der aus wirtschaftlichen Gründen digitale Medien unterhält. Für Journalismus ist das besonders wichtig, denn es betrifft das Kerngeschäft als solches, aber es ist ebenso für den Markenhersteller, der eine App anbietet, oder für den Online Shop und seine Desktop-Seite von Bedeutung, was man aus diesen Wirkungszusammenhängen lernen kann. Ich habe die aus meiner Sicht fünf bedeutendsten Lehren hier zusammengestellt:




1. Social Media, Mobile, Video: Alles oder (fast) nichts

Jeden einzelnen der drei Bereiche Social Media, Mobile und Video in der Tiefe zu verstehen wird notwendig sein, um überhaupt in Zukunft nennenswerte Reichweiten aufzubauen - und doch ist es nur die halbe Miete. Entscheidend ist letztlich das Zusammenspiel zwischen den Dreien. Wer erfolgreich in Social Media ist und tollen Video-Content bietet, aber eine furchtbare bis dysfunktionale mobile Erfahrung bietet, wird nicht erfolgreich sein. Wer eine tolle mobile App mit großartigem Video-Content bietet, aber in Social Media mehr oder weniger nicht präsent ist, muss immer wieder Traffic in sein Angebot schaufeln - ohne Social Media eine zumeist teure Angelegenheit, denn nur Search und direkter Aufruf wird hier auf Dauer nicht mehr reichen, wenn man nicht gerade Netflix heißt. Wenn man in Social Media gut unterwegs ist und eine starke mobile Präsenz anbietet, wird man langfristig ohne Video Probleme haben, sowohl das Publikum als auch (bei Publishern) die Werbekunden glücklich zu halten. Während also Konsumentengruppen immer fragmentierter unterwegs sind auf Plattformen, Betriebssystemen und Endgeräten, werden auch die digitalen Strategien nicht simpler: das komplexe Zusammenspiel von exzellenter Performance in Social Media, Mobile und Video muss intelligent orchestriert werden, um in Zukunft erfolgreich zu sein.


2. Innovation in Werbeformen

Display Werbung als solche ist nicht wirklich funktional. Es ist eine "web 1.0"-artige Adaption von Werbung aus Print oder Plakat in die Welt des Internets - so, wie die Pre-Roll-Werbung eine phantasielose Adaption des TV-Spots ist. Aber "nativ digital" - man erinnere sich an das Zitat von Henry Blodget am Beginn des Artikels - sind diese Geschäftsmodelle nicht. Und nun klicken Sie bitte diesen Link:
BuzzFeed/Advertise

Komischerweise ist keine Inventarliste voller Skyscraper, Medium Rectangles und "Homepage Takeovers" zu sehen. Warum? Weil BuzzFeed diese Art der Werbung gar nicht erst anbietet. Die Standard-Werbeformen heißen "social posts", "promotion and story units", "social discovery" und "video".


https://www.youtube.com/watch?v=G4Sn91t1V4g&feature=kp

In diesem Modell wird BuzzFeed selbst zur Agentur, die im Auftrag des Kunden auch die kreative Idee entwickelt - bis hin zur Produktion wie im Video oben. Der Inhalt ist den redaktionellen Erzeugnissen sehr ähnlich. Hier wird also nicht ein von einer Agentur angeliefertes Motiv neben dem Inhalt, der nichts damit zu tun hat, ausgespielt - sondern der Kunde wird beraten, wie das, was er kommunizieren möchte, spezifisch im Umfeld von BuzzFeed transportiert werden kann. Wir kennen das bisher nur in Randbereichen, etwa bei bezahlten Social Media Posts und ähnlichen Vorgängen, wo die Redaktion glaubhaft behaupten kann, seine eigenen User gut zu kennen und dem Kunden erklärt, warum dieser oder jene Post nicht funktionieren wird. Im Idealfall hilft die Redaktion dem Kunden dann, einen Post so zu gestalten, dass er möglichst positiv aufgenommen wird. BuzzFeed macht das zum Gesamt-Konzept. Denn wenn die Maschinerie aus Social, Mobile und Video erst einmal funktioniert, wäre es schlichtweg suboptimal, die so entstehende Reichweite rein quantitativ durch die Ausspielung völlig unbezogener Werbeinhalte in Standard-Formaten zu kapitalisieren.
Werbung in die DNA der Seite zu integrieren, in engem Bezug zum redaktionellen Produkt, ist eine Ausprägung eines "nativ digitalen" Geschäftsmodells. Also keines, das möglichst einfach aus unserer analogen Welt übertragen wurde.



3. Mehr Content produzieren

Um die hier geschilderten Mechanismen optimal für sich zu nutzen, muss mehr Content produziert werden - mehr einzelne Artikel, mehr Geschichten, mehr Inhalte, mehr Artikelseiten. BleacherReport beschäftigt angeblich ca. 1.000 freiberufliche Redakteure, die einen Output einer vierstelligen Anzahl täglicher Artikel in der Welt des Sports produzieren. BuzzFeed veröffentlicht über 350 Stories am Tag – ungefähr die selbe Menge wie die New York Times, aber sicher nicht mit deren 1.100 Redakteuren (man denke im Henry Blodget Zitat vom Beginn des Artikels auch an die "nativ digitale Kostenstruktur"). Im Vergleich dazu generiert der BusinessInsider mit 70 hauptberuflichen Redakteuren ca. 300 Artikel am Tag. So decken diese Seiten ein- und denselben Vorgang häufig mit mehreren Artikeln ab - jede neue Perspektive, jede neue Information wird nicht für die SEO-orientierte "developing story" verwendet, sondern social-optimiert als neuer Artikel publiziert - während traditionelle Medien oft die eine lange Story, für Print optimiert, als Online-Artikel verwenden.



4. Das alte CMS wegwerfen

CMS Systeme sind das Fließband der Content-Fabrik, die ja einen höheren Output brauchen wird - und halten häufig die notwendige Transformation des digitalen Geschäftes in Social Media, Mobile (web und Apps) und Video unnötig auf. Ein modernes CMS wird zum Beispiel eine Vorschau haben, wie der Content auf mobilen Endgeräten aussieht - weil dort (heute oder in naher Zukunft) der Großteil der User Experience stattfinden wird. Das klingt nach einem Mini-Feature, aber kann durchaus einen ernstzunehmenden Einfluss sowohl auf die Nutzungserfahrung als auch auf "das Mindset" der Redakteure haben - und kann ihnen zudem die Arbeit erleichtern, indem der Aufwand minimiert wird, der in eine Optimierung von Artikeln investiert werden muss.
Chorus, das CMS, das mittlerweile im Besitz von Vox Media ist (nicht zu verwechseln mit unserem lokalen Fernsehsender), beschreibt sich selbst als digitale Plattform, die storytelling für Menschen ermöglicht - nicht für Robots, Templates und Datenbanken:

“Alle fundamentalen Eigenschaften eines CMS sind vorhanden - wir archivieren und veröffentlichen Content wie alle anderen auch. Wir sehen aber die Aufgabe als ebensowichtig an, Community, redaktionelle Planung, strukturierte Daten, individuelle Werbeintegrationen, Social Media, Metriken und Kennzahlen, Kuration und Aggregation mit der Contentproduktion zu integrieren.”*


Wenn also ein Redakteur einen Artikel schreibt, kann ein CMS Suchvolumen, Social Media Volumen, aktuelle mit dem Thema zusammenhängende und populäre Posts, potenzielle "related articles", auch erfolgreiche vergangene Artikel, zum Thema relevante Daten und vieles mehr automatisch vorschlagen, so dass ein Redakteur weniger recherchieren und mehr und besser produzieren kann. So sehr Content in unserer fragmentierten Plattform- und Endgerätewelt technisch von seiner Distribution losgelöst werden muss, so sehr muss die Produktion von Inhalten gleich mit der Verbreitung im Hinterkopf geschehen: Mit dem Nutzer und seiner Nutzungssituation im Fokus.

"Ein erstklassiges CMS, das sowohl die Produktion von attraktivem Content als auch ansprechender Wérbung zu einem Vergnügen werden lässt, wird zu einer unverzichtbaren Voraussetzung für Erfolg."*
(Felix Salmon in einem Blog für Reuters).



5. Technologie und Redaktion zusammenführen

In fast allen Fällen, in denen digitale Medien vor einem geschäftlichen Hintergrund betrieben werden, speziell eben in journalistischen Unternehmen, wird Technologie oft als notwendiges Mittel betrachtet, um das "echte Produkt", den Inhalt, an den Mann (resp. die Frau) zu bringen. An die Stelle von Druckmaschine, LKW und Kiosk rückt nun halt die Distribution durch digitale Technologie - eine fatale Perspektive. Typischerweise führt diese dazu, dass zwischen Redaktion und "IT" möglichst wenige Berührungspunkte existieren.
In einem "nativ digitalen" Umfeld funktioniert dieses nicht - Redaktion und Technologie, insbesondere das CMS, aber auch und vor allem die Erhebung und Analyse von Daten, müssen dort engstens zusammenspielen. BuzzFeed gibt diesem Zusammenspiel eine derart hohe Aufmerksamkeit, dass man die "Head of Data", Dao Nguyen, zur Herausgeberin erklärt hat.
BuzzFeeds CEO Jonah Peretti beschreibt die Rolle als eine neue Art von Herausgeber:

“Sie ist nicht die Erbin eines Medienmoguls […] Sie ist die Herausgeberin für das "social web" in seiner modernsten Interpretation, wo Datenanalyse, das CMS, Technologie und ein tiefes Verständnis von sozialen Netzwerken, mobilen Endgeräten und digitalem Video von höchster Bedeutung sind."*

Technologie ist also nicht nur Produktions- und Distributionsmittel, sondern auch von höchster Wichtigkeit in der Erhebung und Analyse von Daten - die letztlich der Treiber der redaktionellen Arbeit werden muss, darauf ausgerichtet, Inhalte zu generieren, die ein möglichst breites Publikum finden - und das kann letztlich auch so weit führen, dass Daten und Kenntnisse über die Nutzung von Inhalten die gesamte redaktionelle Strategie begründen. Chris Dixon von Andreesen Horowitz, einem Investor in BuzzFeed, beschreibt seinen Blick auf das Unternehmen so, dass es eher eine Technologie-Plattform als ein traditionelles Medienhaus ist.

Ohne ein intelligentes Zusammenspiel von Redaktion und Technologie wird das, was wir heute Qualitätsjournalismus nennen, und gleichermaßen auch das, was Unternehmen zur Unterstützung ihres Kerngeschäftes an digitalen Medieninhalten bieten, in Zukunft keine großen Reichweiten erzielen können.


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* Übersetzungen sind von mir.